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Sonntag, 18. Dezember 2016

Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus Philosophie und Wissenschaft #30

Von Ralf Keuper

Erneut eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus den Bereichen Philosophie und Wissenschaft, die mir in den vergangenen Tagen/Wochen aufgefallen sind:

Samstag, 10. Dezember 2016

Über die Notwendigkeit einer komplementären Sicht in den Wissenschaften (Victor Weisskopf)

Bedauerlicherweise sträuben sich die meisten Menschen gegen die komplementäre Sicht der Dinge. Es besteht ein Trend zu klaren, allgemeingültigen Antworten, der andere Betrachtungsweisen ausschließt. .. Im Prinzip scheint keine Domäne im menschlichen Erfahrungsbereich wissenschaftlicher Erforschung und Erkenntnis unzugänglich zu sein, auch wenn vieles noch nicht verstanden wird. Die Wissenschaft mag einen berechtigten Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Aber es muss betont werden, dass >vollständig< kein Symptom für >allumfassend< ist. Selbst wenn wir zum wissenschaftlichen Verständnis der Prozesse gelangen, die Gedanken und Gefühlen zugrunde liegen, wird es trotzdem notwendig sein, für die Beschäftigung mit unseren komplexen und vielfältigen Erfahrungen andere Methoden des Denkens zu benutzen. Ein Denksystem kann innerhalb seines Rahmens vollständig sein, aber dennoch wichtige Aspekte komplementärer Natur auslassen. Mitunter sind diese Aspekte die relevantesten.
Quelle: Mein Leben - Ein Physiker, Zeitzeuge und Humanist erinnert sich an unser Jahrhundert 

Sonntag, 13. November 2016

Die Denkerfahrung hat ihren eigenen ästhetischen Charakter (John Dewey)

Kein Denker kann seinen Beruf ausüben, ohne von allumfassenden, integrierenden, ihren Wert in sich selbst tragenden Erfahrungen angezogen und durch sie belohnt zu werden. Ohne sie wüsste er niemals, was Denken tatsächlich bedeutet, er wäre bei der Unterscheidung zwischen wahrem und scheinbarem Denken ganz und gar ratlos. Denken vollzieht sich in Form von Ideenketten, doch die Ideen bilden nur deshalb eine Kette, weil sie weitaus mehr darstellen als das, was die analytische Psychologie als Gedanken bezeichnet. Sie sind praktisch und gefühlsmäßig voneinander unterschiedene Phasen einer zugrundeliegenden, immer deutlicher hervortretenden Qualität; sie sind deren dynamische Spielarten; sie sind nicht isoliert und voneinander unabhängig wie Lockes und Humes sogenannte Ideen und Eindrücke, sondern subtile Schattierungen eines sich verbreitenden und stärker werdenden Farbtons. ... 
Daher hat eine Denkerfahrung ihren eigenen ästhetischen Charakter. Sie unterscheidet sich von denjenigen Erfahrungen, deren ästhetischer Charakter gemeinhin anerkannt ist, lediglich durch ihre stofflichen Inhalte. Das Material der Schönen Künste besteht aus Eigenschaften; das Material einer Erfahrung, die zu einer intellektuellen Schlussfolgerung führt, besteht aus Zeichen und Symbolen, ohne eigenständige Qualität; die jedoch Dinge ausdrücken, die in einer anderen Erfahrung qualitativ erlebt werden können. Der Unterschied ist gewaltig. Es ist einer der Gründe dafür, warum die streng intellektuelle Kunst niemals in der Weise populär sein wird, wie es die Musik ist. Gleichwohl gewährt die Erfahrung an sich eine emotionale Befriedigung, da sie eine durch geordnete und systematisierte Bewegung gewonnene innere Integration und Erfülltheit besitzt. Diese künstlerische Struktur kann unmittelbar empfunden werden. Insofern ist sie ästhetisch. 
Quelle: John Dewey. Kunst als Erfahrung

Samstag, 5. November 2016

Frankfurter Schule und Wiener Kreis: Ein ambivalentes Verhältnis

Von Ralf Keuper

In seinem Buch Positivismusstreit. Die Auseinandersetzungen der Frankfurter Schule mit dem logischen Positivismus, dem amerikanischen Pragmatismus und dem kritischen Rationalismus geht Hans-Joachim Dahms auf die verbindenden und trennenden Elemente zwischen der Frankfurter Schule und dem Wiener Kreis ein:
Die Programme und Lehren der beiden Gruppen enthalten alles in allem also zunächst eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten und dann sozusagen komplementäre Defizite. Bei der Frankfurter Schule war der Bereich der Naturwissenschaften und Mathematik faktisch ausgeblendet, beim Wiener Kreis der sozialwissenschaftliche und historische Bereich unterentwickelt. Eine solche Konstellation ist, von ihren Entwicklungschancen her betrachtet, ambivalent. ... 
Im ganzen ergibt der Vergleich von politischer Haltung und Aktivität der Frankfurter Schule mit dem Wiener Kreis vor 1933, grob gesagt, folgende Bilanz: hier (in Frankfurt) eine ausgebautere sozialwissenschaftliche Theorie, dort (in Wien) eine intensivere Beteiligung an praktischer sozialistischer Politik bei den meisten Mitgliedern des Wiener Kreises.

Eine - zumal im Vergleich mit anderen deutschsprachigen philosophischen Strömungen ins Auge fallende - Gemeinsamkeit zwischen Frankfurter Schule und dem Wiener Kreis ist schließlich das beiden gemeinsame Schicksal der politisch und "rassisch" motivierten Emigration, in die sie vom Nationalsozialismus bzw. vom Austrofaschismus gezwungen wurden; und dies - im Unterschied zu allen anderen deutschsprachigen philosophischen Schulen (wie dem Neukantianismus, der Phänomenologie und der Lebensphilosophie) - fast ohne Ausnahme. Dies halte ich für keine zu unterschätzende Gemeinsamkeit, zumal den Nationalsozialisten bzw. den Austrofaschisten die Lehren der beiden Gruppen jeweils als zersetzend und kulturbolschewistisch galten.  

Samstag, 15. Oktober 2016

Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus Philosophie und Wissenschaft #29

Von Ralf Keuper

Erneut eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus den Bereichen Philosophie und Wissenschaft, die mir in den vergangenen Tagen/Wochen aufgefallen sind:

Samstag, 8. Oktober 2016

Der Geist des Handwerks und die technische Welt von morgen

Von Ralf Keuper

In ihrem Vortrag Der Geist des Handwerks und die technische Welt von morgen diagnostiziert Nicole Karafyllis einen Verlust an Technikmündigkeit. Es gebe ein Zuviel an Digitalisierung; sinnlich-praktische Erfahrungshorizonte werden dadurch vernachlässigt. Kreativität entsteht, indem man etwas macht. Auch die Mechanik kommt nicht ohne Erfahrung aus; sie lässt sich nicht vollständig Mathematisieren. Wichtig bleiben Erfahrung, Regeln und Vorbilder. 



Bis dato gibt es keine Theorie für die Technikwissenschaften. Philosophen, die sich intensiv mit der Bedeutung des Handwerks bzw. der Handarbeit beschäftigt haben, waren bzw. sind Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik, mit der Unterscheidung zwischen Handeln (Praxis) und Machen (Poesis), Hannah Arendt mit Vita Activa und Richard Sennett mit seinem Buch Handwerk. Für Sennett bedeutet Dinge manuell zu machen und zu tun, zu lernen, mit den Ambivalenzen des Lebens umzugehen, nämlich das etwas nicht sofort funktioniert (Geduld), dass etwas gar nicht funktioniert (Frust) und dass etwas anders funktioniert (Alternative). Die Digitalisierung dagegen strebt nach Perfektion, weil etwas schon immer funktionsfähig ist bzw. sein muss. 

Weitere Informationen: 


Samstag, 1. Oktober 2016

Glaubte Friedrich Spee an Hexen?

Friedrich Spee war ein Kind seiner Zeit. Für ihn war es - entgegen allen anachronistischen Verzerrungen unserer Tage - kein Widerspruch, an die Vernunft der Zeitgenossen zu appellieren und gleichzeitig an die Existenz von Hexen zu glauben. Der populäre Mythos, Spees Vernunftverständnis sei der Ausfluss einer aufklärerischen Rationalität, kann in ihrer Pauschalität nicht aufrecht erhalten werden. Daher stellt sich die Frage, was an Spees Werk bemerkenswert bleibt, wenn die wegweisende Radikalität seiner Kritik so stark zu relativieren ist? Die Antwort liegt einerseits in seiner Person und andererseits in dem Aufbau seiner Cautio Criminalis. ...
Zu seiner Cautio Criminalis: Friedrich Spee ist an vielen Stellen seines Buches nicht originär, sondern nutzt Argumente, die teilweise schon von seinen Vorgängern verwendet worden sind. Allerdings liegt das Spezifikum seiner Schrift in der gewählten Ich-Form. Dank ihres Gebrauchs kann der Leser sich mit dem Geschriebenen identifizieren, d.h. sich in die Situation einer angeblichen Hexe hineinversetzen, ihre Verzweiflung und Hilflosigkeit, sogar die Schmerzen der Folter nachempfinden. Der Rezipient wird förmlich gezwungen, sich selbst zu fragen, ob er die gleichen Qualen ertragen könnte oder doch dem physischen und psychischen Druck der Tortur nachgäbe, dem Inquisitor beliebige Namen angeblicher Teufelsbündnerinnen nennen und sich selbst als Hexe bezichtigen würde. Die Darstellungsform ist das Einmalige an der Cautio Criminalis, weil sie eine Identifikation mit den Opfern ermöglicht und gleichzeitig die Funktion des Gewissens übernimmt, das den Leser an das Gebot der Nächstenliebe erinnert. 
Vor allem dieser moralische Impetus, verbunden mit einer humanistischen Ernsthaftigkeit ist dafür verantwortlich, dass die Persönlichkeit Friedrich Spees nach wie vor beeindruckt und sein Hauptwerk Cautio Criminalis, seit Leibniz über die Jahrhunderte hinweg immer wieder zu einer kritischen Auseinandersetzung einlädt. 
Quelle: Glaubte Friedrich Spee an Hexen? Einige kritische Gedanken zur Cautio Criminalis von Sarah Masiak, in: Paderborner Historische Mitteilungen, Jg. 24, 2011

Weitere Informationen / Verwandte Beiträge:

Hexenwahn im Mittelalter (Filmdokumentation)

Friedrich Spee, Anton Praetorius, Peter Hagendorf, Hermann Cottmann und der Hexenwahn in Westfalen

Samstag, 10. September 2016

Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus Philosophie und Wissenschaft #28

Von Ralf Keuper

Erneut eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus den Bereichen Philosophie und Wissenschaft, die mir in den vergangenen Tagen/Wochen aufgefallen sind:

Mehr Einfluss für die Ökonomen?

Von Ralf Keuper

In den letzten Jahren war der Ruf nach einem stärkeren Einfluss der Ökonomen auf die Politik bzw. die Politikberatung eher verhalten. Zu sehr war noch die Finanzkrise präsent, die von der überwältigenden Mehrheit der Ökonomen nicht vorausgesehen wurde. Nicht wenige Ökonomen haben durch ihre Einflussnahme bzw. ihren Forderungen nach einer Deregulierung der Finanzmärkte den Grundstein für die Finanzkrise mit gelegt. Seitdem wurde und wird an verschiedenen Stellen das Versagen der Ökonomen thematisiert, wie in 
Dass Ökonomen eine heraufziehende Wirtschaftskrise nicht erkennen, ist indes nicht neu. In seinen Erinnerungen aus meinem Leben schreibt der Bankier und Ökonom Felix Somary über den Stand der Ökonomie am Vorabend der Weltwirtschaftskrise:
Mir kam es klar zum Bewusstsein, wie furchtbar die politische Ökonomie gelitten hatte, seitdem sie von einem Zweig der Staatskunst zu einer bloßen Schulweisheit hinabgeglitten ist. Was bedeuteten einst Bodin und Sully für Frankreich, wie tief wirkten Adam Smith und Turgot. Aber die braven Schulmeister, .., spürten keinen Hauch von dem Sturm, der da heranbrauste. Man erhitzte sich in Detailfragen, die Weltlage interessierte nicht. Auch am Abend in meinem Hause waren Herkner, Sombart, Emil Lederer sich darin einig, dass eine Krise nicht in Sicht sei - seien doch die Warenpreise überhaupt nicht gestiegen. .. Es waren hier Vertreter von mindestens einem Dutzend Konjunkturtheorien anwesend, aber keiner ahnte das nahe Kommen der größten Krise unserer Generation. 
Über die Weisheit des Sachverständigenrates der Bundesregierung schreibt Lisa Nienhaus in Die Blindgänger. Warum Ökonomen auch künftige Krisen nicht erkennen werden:
Weder die Krise am Neuen Markt noch die große Wirtschaftskrise, die unser Land zurzeit bewegt, haben sie (die Wirtschaftsweisen) vorhergesehen. Dass die Wirtschaftsweisen in diesem Punkt dann doch nicht weiser sind als andere Ökonomen, ist bedauerlich, denn wenige andere Volkswirte verfügen über ähnliche Möglichkeiten, laut und deutlich vor Fehlentwicklungen zu warnen. Wenige andere Volkswirte haben einen solch uneingeschränkten Zugang zum politischen Personal. Der Sachverständigenrat kann etwa auf Verlangen jeglichen Bundesminister und auch den Präsidenten der Bundesbank anhören. 
Also trotz ihres exklusiven Zugang zu den Zirkeln der politischen Macht, trotz der großzügigen Förderung durch öffentliche Mittel, haben die Ökonomen bzw. die Wirtschaftsweisen in den entscheidenden Phasen die Gefahr nicht oder zu spät erkannt. 

Dennoch erklingen derzeit Forderungen nach einer stärken Beteiligung der Ökonomen in der Politikberatung, wie von Patrick Bernau in Mehr Einfluss für die Ökonomen. An verschiedenen Beispielen, wie der Fusion von Tengelmann-Edeka, dem Brexit-Votum und dem Mindestlohn, gegen die eine Vielzahl, gleichwohl nicht alle, Ökonomen Widerspruch geäußert haben, glaubt Bernau die Berechtigung, für einen weitergehenden Einfluss der Ökonomen auf die politische Willensbildung ableiten zu können. Die Ziele der Ökonomen seien nicht falsch. Sie dienten dem langfristigen Wohlstand. Außerdem hätten die Ökonomen frühzeitig vor der Einführung des Euros gewarnt - vergeblich. 

Sicher - die Expertise der Ökonomen ist wichtig. Dennoch: Es gibt keine gesellschaftliche Gruppe, die aus ihrem Rang, ihrer Expertise, ihrem Wissen den Anspruch ableiten kann, in Fragen, die für die Gesellschaft von hohem Interesse sind, die letzte Instanz - und in ihrem Urteil damit quasi unfehlbar - zu sein; das wäre ein klarer Fall von Anmaßung des Wissens (F.A. von Hayek). Die Forderung nach einem größeren Einfluss von Ökonomen auf die politische Willensbildung konsequent zu Ende gedacht bzw. auf die Spitze getrieben, würden sich richtungsweisende Wahlen erübrigen - wir bräuchten nur die Mehrheitsmeinung der Ökonomen einzuholen oder ihre Empfehlungen eins-zu-eins umsetzen. Das kann nicht der Weg sein. 

Ökonomen können nur einen Teil der Wahrheit erfassen, vorausgesetzt wir nehmen an, dass sie über kein Offenbarungswissen und auch sonst über keine gottähnlichen Fähigkeiten verfügen. Die bisherige Bilanz legt die Vermutung nahe, dass wir es mit normalsterblichen Vertretern unserer Spezies zu tun haben.

Lisa Nienhaus wendet gegen den Überlegensheitsanspruch der Ökonomen ein:
Sie (die Ökonomen) sind einflussreicher als Politikwissenschaftler oder Soziologen und verfügen über komplizierte Modelle von der Welt als die meisten anderen Sozialwissenschaftler, ihre Methoden sind schwerer zu erlernen. Dass sie deshalb überlegen sind, ist allerdings zu bezweifeln. Überhaupt ist fraglich, ob es notwendig ist, das zu beurteilen. Auf jeden Fall wirkt so eine Haltung unnötig arrogant. 
Was die mathematische Qualität der Modell der Ökonomen betrifft, kommt der renommierte Physiker Lee Smolin zu einem wenig schmeichelhaften Ergebnis.

Wie u.a. Albert Hirschmann gezeigt bzw. gelehrt hat, sind Ökonomen und ihre Theorien von Interessen geleitet bzw. deren Ausdruck. Das ist an sich nicht verwerflich, nur sollte man nicht so tun, als ginge es hier um objektive Meinungen oder um Tatsachen, die keiner weiteren Interpretation bedürfen. Insofern kann man John Kenneth Galbraith zustimmen, der in der Einleitung zu seinem Essay Die Ökonomie des unschuldigen Betrugs. Vom Realitätsverlust der heutigen Wirtschaft schreibt:
Die Kernthese dieses Essays lautet, dass die Volkswirtschaftslehre, aber auch Wirtschafts- und politische Systeme im Allgemeinen, aus finanziellen und politischen Interessen und aufgrund kurzlebiger Modetrends ihre eigene Version der Wahrheit kultivieren. Diese hat nicht unbedingt etwas mit der Wirklichkeit zu tun. Niemand Bestimmtes trifft eine Schuld; schließlich glauben die meisten Menschen das, was sie glauben möchten. Alle Volkswirte, alle Studenten der Wirtschaftswissenschaften und alle Menschen, die sich für ökonomische und politische Fragestellungen interessieren, sollten sich dessen bewusst sein. Das, was mächtigen ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Interessen dient oder ihnen zumindest nicht entgegensteht, gilt als die Wahrheit. 

Samstag, 3. September 2016

Die Fusion als neues Paradigma

Von Ralf Keuper

In der Wirtschaft ist ständig von Fusionen die Rede. Dennoch sorgen einige Meldungen, wie die, wonach die Deutsche Bank sich mit dem Gedanken trage, die Commerzbank zu übernehmen, für größeres Aufsehen. Einige Kommentatoren gaben jedoch zu bedenken, dass aus einer Fusion zweier schwächelnder Banken noch lange kein vitales Finanzinstitut hervorgeht. 
Fusionen sind häufig das letzte Mittel, zu dem Firmenchefs greifen, wenn das eigene Unternehmen seinen Zenit überschritten hat und aus eigener Kraft nicht mehr wachsen oder eine kritische Mindestgröße erreichen kann, wobei man darüber streiten kann, wie eine "Mindestgröße" definiert wird. 

Im September 2000 verfasste Nicole C. Karafyllis in der FR den Beitrag Wachstumsbranchen. Ob Zellkerne oder Wirtschaftsunternehmen. Es wächst zusammen, was nicht zusammen gehört. Die Fusion als neues Paradigma

Karafyllis wirft eine grundsätzliche Frage auf, wenn sie schreibt:
Wenn Unternehmen, Zellkerne und Atomkerne fusionieren, verbinden sich immer mindestes zwei Systeme. Fusionieren bedeutet allgemein, Systemgrenzen zu überwinden. Aber es schwingen unterschiedliche Konnotationen mit: Wer ist der größere und wer der kleinere, wer der stärkere und wer der schwächere, wer der aktive und wer der passivere, wer der identitätsstiftende und wer der einverleibte, resorbierte und gedanklich aussterbende Teil?
Fusionen stossen irgendwann an quasi natürliche Grenzen:
Fusion stellt die Frage nach Größe. Größe wiederum hat etwas mit Wachstum und Macht zu tun. In der Biologie fusionieren Ei- sowie Samen- und auch andere Zellen miteinander, damit Wachstum möglich wird. Ab einer bestimmten Größe beginnen Zellen sich wieder zu teilen, weil es sonst zu Versorgungsengpässen käme, und um das Überleben des Zellverbandes, genannt Lebewesen, zu gewährleisten. Die ökonomische Verbindung dagegen geht so lange, bis die Bilanz sie scheidet. 
Fusionen können schnell den Status eines Allheilmittels erlangen. Die Fusion ist damit per se positiv besetzt, liegt ihr doch ein Naturgesetz zugrunde:
Die Phänomene Fusion und Wachstum suggerieren, auch in der Ökonomie, eine eigendynamische Naturgesetzlichkeit, die uns in die bekannte Position der ohnmächtigen Marionette verbannt. Dabei sind wir Teil dessen, was um uns herum und letztlich ja auch mit uns passiert. Unternehmen werden von Menschen geleitet. Wo jedoch vorwiegend Aktienkurse interessieren, tritt die Frage nach dem Sinn und Zweck der Ökonomie in den Hintergrund. Und wenn man biotechnisch artfremde Lebewesen miteinander kreuzen kann, muss man nicht mehr danach fragen, was eigentlich Leben ist, wie es entsteht und sich erhält. Die gedankliche Abkopplung des Wertes von der Materie, die diesen Wert erst formt, erlaubt es, körperlose Wertzuschreibungen in Form von Kursen anzunehmen, deren Wachstum keine Grenzen gesetzt sind. 
Die Mehrzahl der Fusionen scheitert; die erstrebten Synergien und Kostenvorteile können nur selten realisiert werden. Über die Gründe wird indes eifrig diskutiert, wie in 
Noch immer lesenswert ist das Interview Wir sind doch nicht blind!, das der damalige Präsident des Bundeskartellamts, Wolfgang Kartte, im Jahr 1992 dem Spiegel gab. 

Sonntag, 21. August 2016

Spurenlesen als Wissenspraxis und Vehikel der Selbsterkenntnis

Von Ralf Keuper

Das Lesen von Spuren ist von kaum zu unterschätzender Bedeutung für die menschliche Evolution. Das Fährtenlesen war für die ersten Menschen überlebenswichtig, wie Carlo Ginzburg in seinem berühmten Essay Spurensicherung schreibt:
Jahrtausendelang war der Mensch Jäger. Im Verlauf zahlreicher Verfolgungsjagden lernte er es, aus Spuren im Schlamm, aus zerbrochenen Zweigen, Kotstücken, Haarbüscheln, verfangenen Federn und zurückgebliebenen Gerüchen Art, Größe und Fährte von Beutetieren zu rekonstruieren. Er lernte es, spinnwebenfeine Spuren zu erahnen. wahrzunehmen, zu interpretieren und zu klassifizieren. Er lernte es, blitzschnell komplexe geistige Operationen auszuführen, im Dickicht des Waldes wie auf gefährlichen Lichtungen (in: Spurensicherung. Die Wissenschaft auf der Suche nach sich selbst)
Gewissermaßen haben die Menschen schon relativ früh damit begonnen, in ihrem Alltag, ihrem Lebenskampf Prinzipien zu verwenden, die sich durchaus als wissenschaftlich bezeichnen lassen. 

Ein Kunsthistoriker sorgt für internationales Aufsehen

Es sollte ein Kunsthistoriker sein, der das Spurenlesen, die Spurensicherung - gegen erheblichen Widerstand - als Wissenschaftsform etablierte bzw. rehabilitierte: Giovanni Morelli

Morelli, nach dem die Morelli-Methode benannt wurde, veröffentlichte zwischen 1874 und 1876 unter einem Pseudonym mehrere Beiträge, in denen er ein neues Verfahren zur einwandfreien Identifizierung von Autoren antiker Bilder besprach. Ginzburg schreibt:
Fassen wir kurz zusammen, worin diese Methode bestand. Die Museen, so sagte Morelli, sind voll von Bildern, deren Autoren nur ungenau ermittelt sind. Aber es ist auch sehr schwierig, jedes einzelne Bild ganz exakt einem bestimmten Künstler zuzuweisen. Sehr oft hat man es mit Werken zu tun, die nicht signiert, die vielleicht übermalt oder schlecht erhalten sind. In solchen Fällen ist es unbedingt notwendig, die Originale von den Kopien unterscheiden zu können. Man dürfe sich daher, so Morelli, nicht - wie sonst üblich ist - auf die besonders auffälligen und daher leicht kopierbaren Merkmale der Bilder zu stützen .. Man solle stattdessen mehr die Details untersuchen, denen der Künstler weniger Aufmerksamkeit schenkt und die weniger von der Schule, der er angehört, beeinflusst sind: Ohrläppchen, Fingernägel, die Form von Fingern, Händen und Füßen. Auf diese Weise entdeckte Morelli für Boticelli, die für Cosimo Tura typische Form der Ohren und katalogisierte sorgfältig alle diese Merkmale, die in den Originalen, nicht aber in den Kopien vorkommen (ebd.).
Von Morelli beeinflusst wurde Sigmund Freud, dessen Psychoanalyse auch als Spurenlesen aufgefasst werden kann. Die Kunst der Spurenlesens auf zumindest literarische Höhen geführt, haben die Verfasser von Detektivromanen wie Arthur Conan Doyle und Edgar Allan Poe
Die Arbeit von Archäologen und Paläontologen ist ohne Methoden zur Spurensicherung nicht vorstellbar. In der Kriminalistik ist das Sammeln von Spuren, von Indizien wesentlicher Bestandteil der täglichen Arbeit. Auf Indizien gestützt ist auch die Arbeit der Ärzte; überhaupt können die Humanwissenschaften auch als Indizienwissenschaften beschrieben, klassifiziert werden. Ginzburg spricht auch vom Indizienparadigma

Durch Spuren können Personen eindeutig zugeordnet werden

Spuren erhalten um so mehr Aussagekraft, wenn sie sich einem bestimmten Träger zuordnen lassen. Der Durchbruch auf diesem Gebiet gelang mit der Einführung des Fingerabdrucks. Jeder Mensch lässt sich damit eindeutig identifizieren. Eine Wissenschaftsdisziplin, die sich ganz der Lesen von Zeichen verschrieben hat, ist die Semiotik. 

Obschon Indizien nur Teile eines Puzzles repräsentieren und die Tendenz haben, sich im Detail zu verlieren, können sie auch dazu verwendet werden, auf das Ganze zu schließen: 
Wenn die Forderung nach systematischer Erkenntnis auch immer anmaßender zu werden scheint, sollte deshalb die Idee von einer Totalität noch nicht aufgegeben werden. Im Gegenteil: Die Existenz eines tieferen Zusammenhangs, der die Phänomene der Oberfläche erklärt, sollte man gerade dann betonen, wenn man behauptet, dass eine direkte Erkenntnis dieses Zusammenhanges unmöglich ist. Wenn auch die Realität "undurchsichtig" ist, so gibt es doch besondere Bereiche - Spuren, Indizien -, die sich entziffern lassen (ebd.). 
Datenspuren als Haupteinnahmequelle der Internetkonzerne 

Heute, im Zeitalter des Internets, werden wir mit neuen Formen des Spurenlesens konfrontiert. Das Lesen der Datenspuren, die die Nutzer im Netz hinterlassen, ist ein Milliardenmarkt. Internetkonzerne wie facebook verdienen enorme Summen damit, die Spuren der Nutzer zu einem unverwechselbaren Profil zusammenzusetzen und an die Werbeindustrie, Unternehmen und andere Datensammler zu verkaufen. Ganz abgesehen von den Geheimdiensten, die eigene Programme für das Ausspähen entwickelt haben, wie der britische

Spurenlesen als Mittel der Selbsterkenntnis

Für Cornelius Holtorf  ist die Spurensicherung in erster Linie ein Mittel zur Selbsterkenntnis. 
In der ‘Spurensicherung’ werden mitunter sehr persönliche Assoziationen und Erinnerungen evoziert, die darauf hinweisen, daß jenseits des absoluten Wissens etwas Wertvolles verschüttet liegt, das einer anderen Art der Aufdeckung bedarf. Dieses Etwas ist gerade deshalb wertvoll, weil es sich der modernen Wissenschaftswelt entzieht und eben nicht von der Archäologie oder einen anderen Wissenschaft ohnehin zu Tage gebracht wird . In diesem Sinne ist die ‘Spurensicherung’ so etwas wie Anti-Archäologie. Sie stellt die Authorität der Archäologen in Frage, indem sie auf das Nicht-Wissenschaftliche verweist – die Dinge, die uns als Wissenschaftler normalerweise entgehen, obwohl sie mindestens ebenso elementar und wichtig sind (in: Archäologie als Spurensicherung:Vehikel der Selbsterkenntnis. Über spurensichernde Archäologie)
Die Spurensicherung und das Indizienparadigma würden, so Holtorf, die tatsächliche Arbeit der Archäologen nicht widerspiegeln. Gemeinsamer Nenner von Archäologie, Indizienparadigma und Spurensicherung sei die Selbsterkenntnis:
Alle drei sind Gesten des Erinnerns und Ausdruck einer bestimmten Art des Reflektierens und Erlebens der Vergangenheit und ihrer materiellen Überreste in der Gegenwart. Sie alle produzieren Neuschöpfungen, die die Vergangenheit in die Gegenwart übersetzen und dabei im Grunde nur der Selbsterkenntnis dienen.
Teilnehmendes Beobachten statt Distanzierung 

Weitere Kritik an Ginzburgs Indizienparadigma kommt von Anja Schwanhäußler in Die Bedeutung von ‚Clues’ bei hard boiled Krimis und der Chicago School of Sociology. Kritische Anmerkungen zu Ginzburgs Indizienparadigma. Unter Berufung auf Borislaw Malinonwski und dessen Methode des Teilnehmenden Beobachtens schreibt Schwanhäußler:
Sherlock Holmes Lupe ist immer auch als Signal und Technik der Distanzierung zu seiner Umwelt. Demgegenüber ist die Praxis von hard boiled Detektiv und Stadtforscher Malinowskis Methode der teilnehmenden Beobachtung verpflichtet. Aufgrund seiner eigenen Erfahrung bei den Kula erklärt Malinowski in den Argonauten: „Aus diesem Eintauchen in das Leben der Eingeborenen habe ich das klare Gefühl gewonnen, dass ihr Verhalten, ihre Wesensart in allen Stammesangelegenheiten durchsichtiger und besser verständlich wurden, als sie zuvor waren.“ Paradoxerweise sind die Instrumente, die Ginzburgs Analytiker zur Indiziengewinnung einsetzen, nämlich Kamera und Notizbuch, gerade jene, die Malinowski empfiehlt auch mal zur Seite zu legen. Wenn der Ethnograf „neben dem Normalen und Typischen dessen geringfügigen und ausgeprägten Abweichungen“ nur durch Notizen festhalten kann, so nützt es andererseits „bei dieser Art von Arbeit, manchmal Kamera, Notizbuch und Bleistift zur Seite legen und sich selbst am Geschehen zu beteiligen.“
Das Denken der Spur als Mittel gegen Systeme und Ideologien 

Für Edouard Glissant war die Spur zentral für sein, wenn man so will, Paradigma der Kreolisierung. Das Denken der Spur als Gegengift zu Ideologien und Systemen. Von ihm kommt die Anregung
Dass das Denken der Spur sich, im Gegensatz zum Systemdenken, als eine Irrfahrt beifügt, die Orientierung gibt. Wir wissen, dass die Spur das ist, was uns alle, woher wir auch kommen, in Beziehung setzt. ... Die Spur stellt aber auch nicht einen unfertigen Pfad dar, auf dem man rettungslos strauchelt, auch keinen in sich abgeschlossenen Weg, der ein Territorium begrenzt. Die Spur verläuft auf der Erde, die nie wieder ein Territorium sein wird. Die Spur ist eine undurchdringliche Weise, Zweig und Wind zu lernen, selbst zu sein, vom Andern abgeleitet. Sie ist der Sand in der wahren Unordnung der Utopie.

Das Denken der Spur erlaubt es, sich aus dem Würgegriff des Systems zu befreien. Es widerlegt damit alle Erfüllung durch den Besitz. Es reisst einen Sprung in das Absolute der Zeit. Es eröffnet sich für die versprengten Zeiten, welche die Menschheiten von heute untereinander vervielfachen, im Konflikt und im Wunder (in: Traktat über die Welt). 
Weitere Informationen

Spurenlesen als Wissenspraxis

Über Wandlungen und Niedergang der Detektivfigur

Freitag, 19. August 2016

Lasse sich doch kein Dichter in einer Hauptstadt gebären und erziehen ... (Jean Paul)

Lasse sich doch kein Dichter in einer Hauptstadt gebären und erziehen, sondern womöglich in einem Dorfe, höchstens in einem Städtchen. Die Überfülle und die Überreize einer großen Stadt sind für die erregbare schwache Kinderseele ein Essen an einem Nachtisch und Trinken gebrannter Wasser und Baden in Glühwein. Das Leben erschöpft sich an ihm in der Knabenzeit, und er hat nun nach dem Größten nichts mehr zu wünschen als höchstens das Kleinere, die Dorfschaften. Man gewinnt und errät nicht so viel, wenn man aus der Stadt ins Dorf kommt als umgekehrt aus Jodiz nach Hof. Denk ich vollends an das Wichtigste für den Dichter, an das Lieben, so muss er in der Stadt um den warmen Erdgürtel seiner elterlichen Freunde und Bekanntschaften die größern kalten Wende- und Eiszonen der ungeliebten Menschen ziehen, welche ihm unbekannt begegnen und für die er sich so wenig liebend entflammen oder erwärmen kann als ein Schiffvolk, das vor einem andern fremden Schiffvolk begegnend vorübersegelt.
Aber im Dorfe liebt man das ganze Volk, und kein Säugling wird da begraben, ohne dass jeder dessen Namen und Krankheit und Trauer weiß; Joditzer haben sich alle ineinander hineingewohnt und hineingwöhnt; - und dieses herrliche Teilnehmen an jedem, der ein Mensch, welches daher sogar auf den Fremden und den Bettler überzieht, brütet eine verdichtete Menschenliebe aus und die rechte Schlagkraft des Herzens - Und dann, wenn der Dichter aus seinem Dorfe wandert, bringt er jedem, der ihm begegnet, ein Stückchen Herz mit, und er muss weit reisen, eh er endlich damit auf den Straßen und Gassen das ganze Herz ausgegeben hat. 
Quelle: Selbsterlebensbeschreibung  

Dienstag, 16. August 2016

Schwarze Romantik (Ausstellungsfilm)

Im Herbst 2012 zeigte das Städel Museum die große Sonderausstellung „Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst“. Erstmals widmete sich damit eine Schau in Deutschland der dunklen Seite der Romantik und ihrer Fortführung in Symbolismus und Surrealismus. Anhand von mehr als 200 Gemälden, Skulpturen, Grafiken, Fotografien und Filmen spürte die umfangreiche Präsentation der Faszination zahlreicher Künstler für das Abgründige, Geheimnisvolle und Böse nach. ..
In den ausgestellten Werken von Goya, Johann Heinrich Füssli und William Blake sowie Théodore Géricault und Delacroix bis hin zu Caspar David Friedrich zeichnet sich eine romantische Geisteshaltung ab, die seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ganz Europa erfasste und bis ins 20. Jahrhundert hinein bei Künstlern wie Salvador Dalí, René Magritte oder Paul Klee und Max Ernst ihre unmittelbare Fortsetzung fand. Die Arbeiten erzählen eindringlich von Einsamkeit und Melancholie, von Leidenschaft und Tod, von der Faszination des Grauens und dem Irrationalen der Träume (Quelle: Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst)
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Sonntag, 14. August 2016

Zur Differenz von Zentrum und Peripherie

Von Ralf Keuper

Die Beziehung zwischen dem Zentrum und der Peripherie ist auf den ersten Blick eine von Über- und Unterordnung. Das Zentrum wird für gewöhnlich mit Macht, Dynamik, Pluralität und Kreativität gleichgesetzt, wohingegen die Peripherie als rückständig gilt; seine Anziehungskraft bezieht es aus seiner Eigenschaft als Zufluchts- bzw. Erholungsort. 

Noch immer wird die Beziehung Zentrum-Peripherie vorwiegend räumlich interpretiert:
Auf der nationalstaatlichen Ebene bestehen solche Abhängigkeitsbeziehungen insbesondere zwischen Städten (Zentren) und benachbarten Regionen, meist ländlichen Räumen. Zentrum-Peripherie-Modelle werden daher insbesondere zur Erklärung räumlicher Disparitäten herangezogen. (in: Zentrum-Peripherie-Modell)
Diese Auffassung liegt auch den klassischen Theorien der Wirtschaftsgeografie zu Grunde, wie denen von Christaller (System der zentralen Orte) und Thünen (Thünensche Ringe).

Im Gegensatz dazu steht für Niklas Luhmann die Frage der Kommunikation und Anschlussfähigkeit im Vordergrund:
Wichtig für Luhmann ist nicht der messbare Raum zwischen Mitte und Rand, sondern die von dieser Differenz geprägte Anschlussfähigkeit und Komplexität der Kommunikation, die im Zentrum anders sind als an seiner Peripherie (in: Anmerkungen zur Differenz von Zentrum und Peripherie)
Weiterhin gilt: 
Distanz vom Zentrum zählt als Nachteil aber nur, solange man nicht von Interaktion auf Kommunikation umsteigen kann (ebd.).
Anders wiederum der Staatsrechtler Carl Schmitt, der, laut Niels Werber, in einer Schrift aus dem Jahr 1941 die Idee des Netzwerkes vorwegnahm:
Die Grenze ist keine Linie auf einer Landkarte. Peripherien können entsprechend als „Leistungsraum“ gedeutet werden, der aus bestimmten Operationen, Techniken und Praktiken hervorgeht. Nicht die Dinge werden im Cartesischen Raum platziert, sondern sie bringen als Agenten kollaborativ einen spezifischen Raum hervor (ebd.).
Eine andere Interpretation liefert Eduard Glissant in seinem Archipelischen Denken:
Für Glissant ist die Insel eine Metapher für die Neuformulierung unseres Raumdenkens – sie steht sinngemäß für das Verständnis von Raum als etwas Grenzenlosem. Konzeptionell ist die Insel also nicht eine fixe, losgelöste, isolierte Einheit, sondern steht vielmehr in zweifachen Abweichungs- und Umkehrungsprozessen: Sie streckt sich unbegrenzt in verschiedene Beziehungsrichtungen nach außen aus, zugleich kehrt sie sich zur Hinterfragung des eigenen Selbst und der Selbsterkenntnis nach innen. Das ist Glissants Vorstellung von archipelischem Denken: die Fähigkeit, die Insel zu sehen und sich zugleich ihrer Verbindung zu etwas wesentlich Größerem bewusst zu sein, der Beziehung zu einer Gruppe von Inseln, als Bindeglied zu einem Archipel (in: Die Welt als Archipel). 
In den vergangenen Jahren war im Verlauf der Diskussion um die Staatschuldenkrise häufig von den Ländern der Peripherie in der EU die Rede, womit in erster Linie Portugal und Griechenland gemeint waren. Als Ziel wird die Angleichung der Lebensverhältnisse sowie der wirtschaftlichen Verhältnisse zwischen der Peripherie (Portugal, Griechenland) und dem Zentrum (Frankreich, Deutschland) angepeilt. 

Weitere Beispiele von Randlagen und Peripherien in Europas Geschichte sind der "keltische Rand" und der "muslimische Rand" wie in Zentrum und Peripherie in Europa aus historischer Perspektive nachzulesen ist.

Nicht selten werden der Peripherie schöpferische Kräfte nachgesagt. Beispielsweise sprach Egon Friedell  von der Schöpferischen Peripherie. Das Zentrum für Peripherie (ein  - kreativer - Widerspruch sich) wirbt mit dem Spruch Jede Avantgarde kommt aus der Peripherie

Die Arbeitsgruppe "Zentrum und Peripherie in soziologischen Differenzierungstheorien" hat die Ergebnisse ihrer Forschungen in Mythos Mitte. Wirkmächtigkeit, Potenzial und Grenzen der Unterscheidung "Zentrum/Peripherie" zusammengefasst. 

Weitere Informationen:

Samstag, 13. August 2016

Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus Philosophie und Wissenschaft #27

Von Ralf Keuper

Erneut eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus den Bereichen Philosophie und Wissenschaft, die mir in den vergangenen Tagen/Wochen aufgefallen sind:

Sonntag, 7. August 2016

Was ist Erkenntnis? Alexander Kluge im Gespräch mit Jochen Hörisch

Von Ralf Keuper

Alexander Kluge im Gespräch mit dem Literaturwissenschaflter Jochen Hörisch über dessen Buch Tauschen, sprechen, begehren. Eine Kritik der unreinen Vernunft. Der Titel ist eine bewusste Anspielung auf die Kritik der reinen Vernunft von Immanuel Kant. Zentral für die Argumentation von Hörisch sind die Arbeiten und Gedanken des Sozialphilosophen Alfred Sohn-Rethel



Für Sohn-Rethel liegt im Warentausch eine ungeheure Abstraktion. Für ihn ist der Warentausch erkenntniskonstitutiv: Wer Waren tauscht, abstrahiert gleichzeitig. Es gibt keine Wissenschaft, keinen Geist und keine Intellektualität, wenn es die elementare Abstraktion, die im Warentausch steckt, nicht geben würde. 
Unreine Vernunft heisst, dass der Geist vom Geld abgeleitet ist. Die reale Abstraktion ist chronologisch früher, als die denkende. In der Warensprache ist das Zählen wichtiger als das Erzählen. 

Im Gegensatz zu Marx sind für Sohn-Rethel die Distribiution und die Konsumtion, und nicht die Produktion, die die Gesellschaft überformenden Kräfte.  Die Distributions- und Konsumtionssphäre formieren das Bewusstsein. Das Denken ist an den Tausch gekoppelt. 

In der modernen Wirtschaft hat sich die Distributionsshäre verselbständigt, wie in der Finanzkrise 2008 sichtbar wurde. 
Das Problem ist heute nicht die Knappheit, sondern der Überfluss. Trotz Schuldenkrise haben wir einen Überschuss an Geld. Nach wir vor fehlt uns eine funktionierende Geldtheorie. Wir wissen noch immer nicht, was Geld eigentlich ist.

Was die Zukunft Europas angeht, sind Kluge und Hörisch optimistisch. Nicht mehr Zentrum zu sein, abzudanken, hat auch Vorteile. Nach Luhmann lebt es sich am Rande besser als im Zentrum. Könige, die abdanken, leben danach weitaus angenehmer als unter Regierungsbedingungen. Old Europe ist in seine Spätphase eingetreten, die, wenn wir Glück haben, die beste ihrer Geschichte seit der Renaissance werden könnte. 

Bad Muskau, der Fürst Pückler Park - Der deutsche Dandy und sein Garten

Sonntag, 31. Juli 2016

Poesie als Fluchthelferin

Die Poesie und erst recht die Übersetzung der Poesie ist also eine Fluchthelferin, eine Schlepperin, wenn man so will. Sie ist ein frischer Luftzug, eine Welterweiterungsmaschine, sie injiziert Ideen, Sichtweise, Perspektiven, die durch ihre bloße Andersheit betören und belebenden Wind und die nötige Spannung in den geistigen und seelischen Haushalt zu bringen vermögen; sie hilft uns, die immer drückendere, immer absolutere, immer aufdringlichere Präsenz der Gegenwart zu überschreiten. Die (übersetzte) Poesie ist die von Rückert so tatkräftig geschärfte und geschliffene Nadel, mit der wir unsere allzu aufgeblasene Gegenwart, so oft wir wollen, so oft wir ein Buch zur Hand nehmen, mit einem lauten Knall zum Platzen bringen können. 
Quelle: Fluchthelferin Poesie von Stefan Weidner in der FAZ vom 25. Juli 2016 

Die Hand. Werkzeug des Geistes

Von Ralf Keuper

Bisher haben sich nur wenige Bücher mit dem Einfluss der Hand auf die geistige Entwicklung des Menschen beschäftigt. Eine dieser Ausnahmen ist Die Hand. Werkzeug des Geistes.

In dem Beitrag Hand und Hirn schreibt Martin Weinmann:
Die Steuerprogramme der Hand stehen in der Hierarchie motorischer Verantwortlichkeiten weit oben und sind die Strukturen, die sich mit am weitesten von den archaischen Wurzeln der Bewegungssteuerung weg entwickelt haben. 
Am Beispiel der Primaten beschreibt Weinmann den Funktionswandel der Hand mit seinen Auswirkungen auf das Gehirn: 
Die Handentwicklung bei Primaten mag ein Beispiel dafür sein, wie neue anatomische Strukturen den personalen Raum plötzlich in einer Weise verändern, dass auch Perspektiven für einen Wandel der Funktion des Organs und damit die Notwendigkeit der Entstehung neuer neuronaler Steuerungsmechanismen entstehen. .. Die Fähigkeit einer einfachen Opposition von Daumen und Zeigefinger tritt erst bei den uns relativ nah verwandten Altweltaffen auf. Die Vielzahl von unterschiedlichen Handstellungen der Gebärdensprache wären den Affen nicht möglich. Neue Funktionen entstanden erst im Zusammenspiel von anatomischen Veränderungen der Hand und dem Umbau des neuronalen Steuerungsapparates. Dabei taucht das Problem des qualitativen Sprungs auf. Mitten in einer Funktionsumwandlung (zum Beispiel von der Laufhand zur Greifhand) gibt es meist eine Phase, in der ein Organ mehrere unterschiedliche Funktionen erfüllt. Gerade in diesen Übergangszeiten wird auf die Organe ein enormer Selektionsdruck ausgeübt. Der Gang des Schimpansen auf den Handknöcheln zeigt, dass sich Arm und Hand hier schon weit von ihrer früheren Funktion als Instrument der Fortbewegung entfernt haben. Solche Entwicklungen vollzogen sich auch im Gehirn. Ebenso wie die Hand des Schimpansen zum Vielzweckorgan wurde, mag die Evolution der Fähigkeit zur Planung komplexer motorischer Sequenzen einen Funktionsraum geschaffen haben, in dem diese neuen Fähigkeiten plötzlich auch in einem anderen Kontext der Motorik genutzt werden konnten. 
Damit die Hand ein Vielzweckorgan werden konnte, musste sich zunächst der Greiffuß zu einem Lauffuß entwickeln. Dadurch wurden die Hände nicht mehr zur Fortbewegung benötigt und standen für andere Tätigkeiten, wie z.B. für die Herstellung von Werkzeugen, zur Verfügung. Infolgedessen nahm das Hirnvolumen deutlich zu, wie Richard Michaelis in seinem Beitrag Vom Greifen zum Begreifen? hervorhebt:
Das Hirnvolumen vergrößerte sich demnach erst nach diesem evolutionären Schritt und in enger Korrelation mit dem zunehmend präziseren Gebrauch der Hände und Arme, die jetzt nicht mehr zum Abstützen während der Fortbewegung auf dem Boden nicht mehr als Greif- und Klammerwerkzeuge beim Leben auf Bäumen eingesetzt werden mussten. .. Zunehmend dienten die Hände nun aber auch zum Werfen von Steinen und angespitzten Stäben während der Jagd und zum Herstellen von Werkzeugen, die zum Schaben, Schlagen, Klopfen und Schnitzen gebraucht wurden. Der immer geschicktere Gebrauch der Arme und Hände erforderte sehr rasche und sehr präzise ballistische und repetitive Bewegungsabläufe der Arme und Hände, die nur durch zunehmend komplexere neuronale Strukturen in Gehirn und Rückemark ermöglicht und gesteuert werden können. 
Obwohl der Gebrauch von Armen und Händen für die Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten von großer Bedeutung ist, folgt daraus nicht, dass Menschen, die wegen einer Behinderung ihre Hände nicht nutzen können, geistig zurückbleiben müssen:
Unter körperbehinderten Menschen, die von Beginn ihres Lebens an ganz oder nahezu vollständig auf ihre Hände zur Gestaltung ihres Lebens an ganz oder nahezu vollständig auf ihre Hände zur Gestaltung ihres Lebens verzichten müssen, finden sich viele Kinder, Frauen und Männer, deren kognitive Fähigkeiten denen von Gesunden in nichts nachstehen. Der scheinbar direkte Bezug zwischen "Greifen" und "Begreifen", wie es die deutsche Sprache nahelegt, kann also keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben. Für ihn lassen sich bisher auch keine neurobiologischen und neuropsychologischen Bestätigungen finden, wie überhaupt wenig darüber bekannt ist, welche Konditionen für die Entwicklung kognitiver Fähigkeiten obligatorisch, fakultativ oder eher zu vernachlässigen sind. 
Die Evolution hat scheinbar Vorsorge für den Fall getroffen, dass es bei der Entwicklung heranwachsender Kleinkinder zu einem Ausfall wichtiger Funktionen des sensomotorischen Systems kommt. Michaelis bezeichnet dies als evolutionäre Strategie der Diversifizierung:
Mit der evolutionären Strategie der Diversifizierung der Entwicklung auf bestimmte Entwicklungsschienen wird gleichzeitig die Gefahr reduziert, die bei hierarchischen Systemen grundsätzlich besteht, dass eine Schädigung oder Störung zentraler Strukturen sofort den gesamten Entwicklungsverlauf aushebelt oder lahmlegt. Parallele Entwicklungswege, die intakt geblieben sind, ermöglichen dann immer noch eine funktionelle Kompensation, die ebenfalls im Sinne einer ontogenetischen, individuellen Adaption gedeutet werden kann. 
Seit einiger Zeit wird die Frage kontrovers diskutiert, welche Auswirkungen auf die kognitiven Fähigkeiten der Gebrauch digitaler Medien hat. So ist, nach Aussage von Gerald Hüther, der für die Regulation der Daumenbewegung zustände sensomotorische Kortex im Gehirn bei den heute 15jährigen durch die Bedienung der Tastaturen, wie beim Schreieben von SMS-Nachrichten, doppelt so groß. Gestützt wird diese Aussage durch eine Studie der Universität Zürich, wonach die Daumenfertigkeit auf dem Smartphone unser Gehirn verändert