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Donnerstag, 31. Dezember 2015

Der kombinatorische Schluss (Ernst Jünger)

Die hohe Einsicht wohnt nicht in den einzelnen Kammern, sondern im Gefüge der Welt. Ihr entspricht ein Denken, das sich nicht in abgesonderten und abgeteilten Wahrheiten bewegt, sondern im bedeutenden Zusammenhang, und dessen ordnende Kraft auf dem kombinatorischen Vermögen beruht. .. 
Das kombinatorische Vermögen unterscheidet sich vom nur logischen insofern, als es sich stets in Fühlung mit dem Ganzen bewegt und nie im Vereinzelten verliert. Wo es das Einzelne berührt, gleicht es einem Zirkel aus zweierlei Metall, dessen goldene Spitze im Zentrum fusst. Dabei ist es in weit geringerem Maße auf Daten angewiesen; es beherrscht eine überlegene Mathematik, die zu multiplizieren und potenzieren versteht, wo die gewöhnliche Rechenkunst sich mit einfachen Additionen behilft. ..  
Insofern es zu den Aufgaben des Verstandes gehört, die Dinge nach ihrer Verwandschaft zu ordnen, zeigt sich der kombinatorische Schluss dadurch überlegen, dass er die Genealogie der Dinge beherrscht und ihre Ähnlichkeit in der Tiefe aufzuspüren weiss. Der einfache Schluss dagegen sieht sich auf die Feststellung der Oberflächenähnlichkeit beschränkt und plagt sich damit ab, am Stammbaum der Dinge die Blätter zu messen, deren Grundmaß jedoch im Keimpunkt der Wurzel verborgen liegt. 
Quelle: Das abenteuerliche Herz 

Montag, 28. Dezember 2015

Grammatik-Mechanismus im Gehirn experimentell bestätigt

Von Ralf Keuper

Bereits vor einigen Jahrzehnten machte der Sprachforscher Noam Chomsky die Entdeckung einer angeborenen inneren Grammatik, die die Menschen dazu befähigt, Sprachen in relativ kurzer Zeit zu erlernen. In Fachkreisen ist das angeborene Regelverständnis, die innere Grammatik bis heute umstritten. Nun ist Forschern vom Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik und der New York University der Nachweis der inneren Grammatik gelungen, wie aus der Meldung Wir haben die Grammatik verinnerlicht: Experimente weisen angeborenes Regelverständnis nach hervorgeht: 
Die Studie, die jetzt in der Fachzeitschrift Nature Neuroscience erscheint, baut auf Chomskys Arbeit „Syntactic Structures“ von 1957 auf. Danach nehmen wir Sätze wie „Farblose grüne Ideen schlafen wütend“ als sinnlos, aber grammatisch richtig wahr. Dies funktioniert, weil wir eine abstrakte Wissensgrundlage besitzen, die eine derartige Unterscheidung zulässt, auch wenn unserer Erfahrung nach keine statistische Beziehung zwischen den Wörtern vorhanden ist.
Weiterhin heisst es über die Experimente:
Ihre Ergebnisse belegen, dass unser Gehirn drei verschiedene Komponenten der gehörten Sätze klar voneinander unterscheidet. Dabei spiegelt es die Hierarchie in der neuronalen Verarbeitung von linguistischen Strukturen wider: Wörter, Phrasen und Sätze. Die Rhythmen im Gehirn, sogenannte neuronale Oszillationen, die diesen Prozessen des Sprachverstehens zugrunde liegen, sind angepasst an die Zeitstruktur der jeweiligen Sprachstruktur, d.h. schnellere Rhythmen verfolgen Worte, langsamere verfolgen Sätze. 

... Mit dieser kontroversen Schlussfolgerung hat das Team eine alte Diskussion neu entfacht. Die Annahme einer abstrakten, hierarchischen und grammatikbasierten Strukturbildung war von der Forschung eigentlich längst verworfen worden.
Eine ebenso so kurze wie informative Einführung in Chomsky's Sprachtheorie gibt ein Video der BBC.
Hier noch ein Auszug aus Sprache und Politik:
Fortschritte in der Psychologie der Sprache
In dieser Konzeption dreht es sich beim Spracherwerb nicht darum, aus einer unendlichen Menge sehr verwickelter Hypothesen eine Hypothese auszuwählen. Sondern es geht darum, innerhalb eines von vornherein sehr stark beschränkten Systems, bei dem die Komplexität der Regeln ausgesondert und in die von Anfang an vorhandene Verdrahtung verlegt worden ist, die für eine "vollständige" Verdrahtung" noch fehlenden Parameterwerte festzulegen. Das müsste in etwa die richtige Sicht sein. Ich meine, ein System dieser Art ist intuitiv einleuchtend; es hat die richtige Art von qualitativen Eigenschaften. Mit seiner Hilfe ließe sich erklären, wie man auf Grundlage so geringen Datenmaterials so viel sprachliches Wissen haben kann, und weshalb die menschlichen Sprachen eine so reichhaltige Struktur haben, während sie ja andererseits keinesfalls ein Regelsystem haben können, das so komplex und umfangreich ist, dass man es gar nicht lernen kann. ...  
Eine allgemeine Lerntheorie 
Einer der Unterschiede zwischen dem Bild der frühen sechziger Jahre und unserer .. gegenwärtigen Vorstellung besteht darin, dass es dem gegenwärtigen Bild zufolge nur eine begrenzte Zahl von Sprachen, das heisst, von strukturell unterschiedlichen Sprachen gibt. Es gibt eine endliche Anzahl von Schaltern mit einer jeweils sehr kleinen Anzahl von Schaltzuständen, und aus jeder Gesamtheit von Schaltereinstellungen resultiert .. eine mögliche Sprache. Die frühe Konzeption besagte dagegen, dass es eine unendliche Anzahl von Grammatiken gibt und man sich dann die einfachste aneignet. Nun, diese neuen formalen Theorien gehen von recht vernünftigen Voraussetzungen in Bezug auf das Lernen aus, zum Beispiel davon, dass man sich an einzelne Dinge nicht allzu lang erinnern kann. Unter solchen Bedingungen ist das Erlernen eines stabilen Systems - nämlich der Sprache, wie man sie beherrscht, wenn man volle Kompetenz erlangt hat - nur möglich, wenn die Menge der grundsätzlich verschiedenen Sprachen - der Sprachen, die in einem präzis definierten Sinn strukturell verschieden sind - nur endlich viele Mitglieder hat. Das gibt uns einen Hinweis darauf, wie die Struktur der Universalgrammatik aussehen sollte. Sie sollte nur eine begrenzte Zahl verschiedener Grammatiken erlauben.  
Weitere Informationen:

Generative Transformationsgrammatik 


Samstag, 26. Dezember 2015

Roland Barthes - Meister der Dechiffrierkunst

Von Ralf Keuper

Roland Barthes war wie viele französische Intellektuelle in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Vertreter des Strukturalismus. Sein Forschungsinteresse galt in besondere Weise der Semiologie, der Wissenschaft vom Zeichen, welche später in Semiotik umbenannt wurde. Jedes strukturalistische Bedeutungssystem funktioniert wie eine Sprache. Das Subjekt ist in der Sprache aufgelöst.


Weitere Aussagen in dem Film:
Wir sprechen zwar eine gemeinsame Sprache .. aber wenn wir uns auf die Ebene der sogenannten Diskurse begeben, die aus Sprache bestehen, aber nicht nur Sprache sind, dann fallen diese Diskurse auseinander. Dieses gemeinsame Medium .. ist also durchzogen von ganz unterschiedlichen Ausdrucksweisen, die nur schwer miteinander kommunizieren. Wenn man sich sagt, ich schreibe für alle, also werde ich einfach schreiben, ist damit gar nichts gewonnen. Das Denken ist nicht von der Ausdrucksweise zu trennen. .. Ich denke mit ganz bestimmten Wörtern, und das trifft für jeden zu.
Weitere Informationen:




Freitag, 25. Dezember 2015

Foucault gegen Foucault (arte-Filmdokumentation)

Von Ralf Keuper

Aus Anlass des dreißigsten Todestages des französischen Philosophen Michel Foucault widmete arte dem Denker die sehenswerte und informative Filmdokumentation Foucault gegen Foucault


Weitere Informationen:

Die Wahrheit der Lüste. Zur Philosophie von Michel Foucault

Donnerstag, 24. Dezember 2015

Dienstag, 22. Dezember 2015

Was ist Synergetik? (Hermann Haken)

Das Wort Synergetik stammt aus dem Griechischen, .., und bedeutet so viel wie "Lehre vom Zusammenwirken". Wir wollen uns mit ihr fragen, ob es nicht trotz der Fülle verschiedenartigster Strukturen, die in der Natur auftreten, möglich ist, einheitliche Grundgesetze aufzufinden, aus denen heraus wir verstehen können, wie Strukturen zustande kommen. ...
Die Vorgänge der Strukturbildung laufen irgendwie zwangsläufig in bestimmter Richtung, aber keineswegs so, wie es die Wärmelehre voraussagte, keineswegs eben in eine immer größer werdende Unordnung. Ganz im Gegenteil werden auch noch ungeordnete Teilsysteme in den bestehenden Ordnungszustand hineingezogen und in ihrem Verhalten von ihm versklavt. Diese Zwangsläufigkeit der Entstehung von Ordnung aus dem Chaos ist, .., weitgehend unabhängig vom materiellen Substrat, auf dem sich die Vorgänge abspielen. Ein Laser kann sich in diesem Sinne ganz genauso wie eine Wolkenformation oder eine Zellansammlung verhalten. Offensichtlich haben wir es mit einem einheitlichen Phänomen zu tun. Das legt uns nahe, dass derartige Gesetzmäßigkeiten auch im nichtmateriellen Bereich anzutreffen sind. Hierzu gehört z.B. in der Soziologie das Verhalten ganzer Gruppen, die sich plötzlich einer neuartigen Idee zu unterwerfen scheinen, etwa der Mode, oder geistigen Strömungen der Kultur, einer neuen Richtung in der Malkunst oder einer neuen Stilrichtung in der Literatur. ...
In diesem Sinne kann die Synergetik als eine Wissenschaft vom geordneten, selbstorganisierten, kollektiven Verhalten angesehen werden, wobei dieses Verhalten allgemeinen Gesetzen unterliegt. Wenn eine Wissenschaft Aussagen von großer Allgemeingültigkeit macht, so hat dies zugleich auch seine Konsequenzen. Die Synergetik erstreckt sich auf ganz verschiedene Disziplinen, wie etwa Physik, Chemie, Biologie, aber auch Soziologie und Ökonomie. Aus diesem Grund werden wir erwarten, dass die von der Synergetik beschriebenen und entdeckten Gesetzmäßigkeiten mehr oder minder verborgen in verschiedenen Disziplinen schon vertreten sind. ...
Wie nun die Synergetik zeigt, wird uns bei komplexen Systemen die "relevante Information", der Gesamtzusammenhang, durch die Ordner geliefert, die gerade dann besonders deutlich in Erscheinung treten, wenn sich das makroskopische Verhalten der Systeme ändert. Im allgemeinen sind diese Ordner die langlebigen Größen, die die kurzlebigen versklaven. ..Wenn dort, wo Ordnung aus dem Chaos entsteht oder eine Ordnung in eine neue übergeht, so allgemeine Grundsätze gelten, dann muss diesen Vorgängen zugleich ein bestimmter Automatismus anhaften. Wenn wir diese Gesetzmäßigkeiten auch im wirtschaftlichen, soziologischen oder politischen Bereich zu erkennen lernen, wird es uns leichter, mit Schwierigkeiten des Lebens fertig zu werden. Wir erkennen z.B., dass eine gegen uns gerichtete Haltung anderer nicht auf einer Verschwörung gegen uns beruht, sondern die anderen Menschen aufgrund bestimmter kollektiver Verhaltensweisen so handeln, ja sogar handeln müssen. ... 
Die Synergetik gibt durch ihre Untersuchung kollektiver Effekte auch eine Antwort darauf, warum Diktaturen so stabil sind, obwohl das für die meisten in einem demokratischen Land lebenden Bürger völlig unverständlich ist. Die Antwort liegt in der sich selbst stabilisierenden Wirkung eines großen Systems. Damit der betreffende Ordnungszustand zusammenbricht, müssten eben gleichzeitig alle oder ein sehr großer Teil der Bürger aus dem sogenannten Ordnungszustand der Diktatur ausbrechen. Aber weil Diktaturen die Kommunikationsmöglichkeiten unter den einzelnen Mitgliedern so stark eingeschränkt haben und kontrollieren, können die Mitglieder nur jeweils unabhängig voneinander Ausbruchsversuche unternehmen, die scheitern müssen, weil die anderen Mitglieder der Gesellschaft gerade in diesem Moment an dem alten System festhalten oder aber in die verschiedensten Richtungen drängen und sich so in ihren Handlungen gegenseitig im Wege sind. 
Die Gedanken, die Hermann Haken in seinem Buch Erfolgsgeheimnis der Natur. Synergetik. Die Lehre vom Zusammenwirken niedergeschrieben hat und dem die zitierten Passagen entstammen, ähneln denen von Friedrich Cramer in dessen Buch Symphonie des Lebendigen. Versuch einer allgemeinen Resonanztheorie.  
Die Frage ist nun, ob und inwieweit die Schlussfolgerungen Hakens zulässig sind und empirischen Gehalt für sich beanspruchen können, insbesondere im gesellschaftlichen Bereich. Ein Kritikpunkt, der von verschiedenen Seiten gegen die Synergetik formuliert wird. In den meisten Fällen handelt es sich um Analogien und Argumente, die eine gewisse Plausibilität haben. 
Trotz dieser Defizite lohnt sich die Beschäftigung mit der Synergetik, da sie zu einem besseren Verständnis von Situationen, Problemstellungen und Konstellationen beitragen kann - nicht mehr und nicht weniger.

Montag, 21. Dezember 2015

Das Spinnennetz (Literaturverfilmung)

Von Ralf Keuper

Es gibt nur wenige Filme aus deutscher Produktion der letzten Jahrzehnte, die für sich beanspruchen können, ein Stück Filmgeschichte geschrieben zu haben. Um so einen Fall handelt es sich bei dem Film Das Spinnennetz, der auf dem gleichnamigen Fortsetzungsroman von Joseph Roth basiert. 

Die Produktion mit deutscher Starbesetzung - Ulrich Mühe, Klaus-Maria Brandauer und Armin Müller-Stahl in den Hauptrollen sowie Bernhard Wicki als Regisseur, fand international große Beachtung. 
Roth lag mit seinem Roman erstaunlich nahe an der Realität und den weiteren Ereignissen; die Machtübernahme Hitlers sollte zeigen, wie exakt Roth bereits Anfang der 1920er Jahre die Stimmung, vor allem in bestimmten gesellschaftlichen Gruppen, einfing. 

Roth konnte mit seinem schriftstellerischen und journalistischen Schaffen das Unheil, weder für sich noch für die Gesellschaft, aufhalten.

Sonntag, 20. Dezember 2015

Ernst Gombrich über sein Buch "Die Geschichte der Kunst"

Von Ralf Keuper 

Das Buch Die Geschichte der Kunst von Ernst H. Gombrich ist eines der populärsten Bücher, das je über Kunst geschrieben wurde, wie der Verlag nicht ohne Stolz hervorhebt. In einem Interview mit dem britischen Fernsehen aus dem Jahr 1995 äußert sich Gombrich etwas näher über die Beweggründe, die ihn seinerzeit zur Niederschrift veranlasst haben sowie über seine Sicht auf die Disziplin Kunstgeschichte als solcher. 


In der Fachwelt rätseln bis heute einige, wie das Buch diese Verbreitung finden konnte, galt Gombrich doch, wie es die ZEIT einmal auszudrücken beliebte, als Paradiesvogel seiner Gilde. Sein Schreibstil kommt ohne Übertreibungen und Emphase aus, darin seinem Freund Karl R. Popper ähnelnd. Verantwortlich für den Erfolg des Buches wird die gute Lesbarkeit gemacht, da Gombrich darin an den Erzählstil seines ersten schriftstellerischen Erfolgs, Eine kurze Weltgeschichte für junge Leser, anknüpfte. 

Der Kunst des 20. Jahrhunderts konnte Gombrich nicht viel abgewinnen. Für ihn fand die Kunstgeschichte in der Malerei des Impressionismus ihr vorläufiges Ende. Seitdem würden sich Fotografie und Malerei immer mehr aneinander angleichen. 

Donnerstag, 17. Dezember 2015

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg (Fernsehfilm in fünf Teilen)

Von Ralf Keuper

Die Wanderungen durch die Mark Brandenburg von Theodor Fontane geben, obgleich auf eine bestimmte Region beschränkt, einen guten Einblick in das gesellschaftliche und politische Leben Deutschlands im 19. Jahrhundert. Zu dieser Zeit war der bestimmende Einfluss, den Preußen im Deutschen Reich spielte und noch spielen sollte, für einen aufmerksamen Beobachter wie Fontane zum Greifen nahe. Es versteht sich, dass auch Fontane von subjektiven Urteilen nicht frei war. 
Ein unterhaltsames und lehrreiches Stück deutsche Geschichte. 

Der Fernsehfilm profitiert von der ausgesprochen guten schauspielerischen Besetzung ebenso wie von dem Erzähler Klaus Schwarzkopf

Mittwoch, 16. Dezember 2015

Das Schloss (Verfilmung des gleichnamigen Romans von Franz Kafka)

Von Ralf Keuper

Der unvollendete Roman Das Schloss von Franz Kafka hat inzwischen den Rang eines Klassikers. Für viele ist es eine Parabel auf die Bürokratisierung, für die im Roman das Schloss mit seiner Verwaltung stellvertretend ist. Jedenfalls lohnt es sich, die Verfilmung mit Maximilian Schell in der Hauptrolle anzusehen. 

Alles Wissen gründet letzten Endes auf der Tradition (Joan Evans)

Alles Wissen gründet letzten Endes auf der Tradition; wir sehen uns nicht nur einer mehr oder weniger ungestalteten Masse überkommener Ansichten und Meinungen gegenüber, die wir fraglos zu den unsrigen machen, sondern auch eine Reihe widerlegter oder abgelegter Hypothesen, die wir ebenso fraglos zur Seite schieben. Weder empirische noch experimentelle Versuche können sich ganz von den Fesseln dieser Tradition befreien, selbst wenn sie zu ihr in Gegensatz stehen. Je mehr wir uns der geschichtlichen Vergangenheit bewusst sind, desto stärker sind wir unserem ererbten Wissen verhaftet und desto eher stehen wir in seiner Schuld; je mehr die Vergangenheit die Gegenwart an Folgerichtigkeit, Glanz und Kraft übertrifft, desto blinder ist unser Glaube an vergangene Lehren und Überzeugungen. ...
Besonders im Mittelalter fühlten sich die Menschen von der Größe der Vergangenheit überwältigt, so dass sie sich dieser nicht als Kritiker, sondern als folgsame und lernbegierige Schüler näherten. Wenn die Klassiker auch die einzige Quelle des Wissens darstellten, so schien diese Quelle unerschöpflich zu sein; aus ihr flossen Dichtung, Rhetorik, Geschichte, Philosophie, Naturwissenschaften, Recht und Politik, weshalb es im Bestiaire d'Amour von Richard Fornival heisst: "Jene Menschen, die vor uns lebten, wussten gewisse Dinge, deren Kenntnis sich heute kein Mensch mehr nur mit Hilfe seines eigenen Intellektes aneignen könnte, so dass wir sie nicht kennen würden, wären sie nicht von den Menschen in der Vergangenheit entdeckt worden". Je weiter das Mittelalter fortschritt, desto eingehender erforschte man die klassischen Quellen. Gewiss trifft es zu, dass die eigentliche Renaissance der klassischen Bildung erst zu Ende des Mittelalters eintrat, doch bedeutet dies nicht, dass es Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte gab, in denen das klassische Wissen völlig im Dunkel der Vergessenheit schlummerte. Es ist im Gegenteil möglich, eine sich stetig entfaltende Tradition festzustellen und sie durch die Jahrhunderte hindurch zu verfolgen, so dass die Renaissance als Gipfelpunkt einer Entwicklung erscheint, als die Geburtsstunde des freiheitlichen Denkens zu einer Zeit, in der die Klassiker endlich in ihrer ganzen Tragweite assimiliert worden waren.
Quelle: Das Leben im mittelalterlichen Frankreich 

Montag, 14. Dezember 2015

Digitalisierung: Identität wird prozesshaft

Von Ralf Keuper

Es ist eigentlich nur folgerichtig, dass, wenn der Alltag der Menschen digitaler wird, auch die Identität davon nicht ausgeschlossen bleibt. Was hat das für den einzelnen, für das Ich oder das Selbst zu bedeuten? Wird die Identität prozesshafter, d.h. unterwirft sie sich der Verarbeitungslogik der Informationstechnologie? 

Steht die Revolution für das Selbst bevor, wie das Goethe-Institut fragt? 
Während sich der klassische Begriff von Identität über äußerliche Merkmale definiert, also Name, Geburtsdatum, Wohnort, Unterschrift und unveränderliche biometrische Kennzeichen wie Augenfarbe und Fingerabdrücke, ist Identität im Internet dynamischer, prozesshafter. Sie ergibt sich zunächst aus den digitalen Spuren, die wir hinterlassen: Kommunikationsspuren, Ortsangaben, Konsumnachweise. Sie ergibt sich aber auch aus der Art und Weise, wie wir uns selbst inszenieren.
Wie weit muss die Sorge der Menschen um ihre Digitale Identität, ihr "digitales Double" im Netz gehen? Bob Blakey von IBM vertritt dazu in Philosophisches zur digitalen Identität einen klaren Standpunkt: 
Wenn jemand aber sagt, er mache sich Sorgen um seine Identität, dann hat das nichts mit der digitalen Variante zu tun. Man macht sich Sorgen über sein Verhalten oder über den Datenschutz, aber das ist nicht die digitale Identität an sich. Man könnte sich Sorgen darüber machen, dass eine digitale Identität die Privatsphäre verletzt. Das heißt aber vor allem, dass man sich Sorgen um das Verhalten der Firmen machen sollte, mit denen man Geschäfte eingeht.
Nirgendwo sonst, wie in den Sozialen Netzwerken, werden die Chancen und Risiken der Selbst-Definition mittels Digitaler Identitäten sichtbar. Beziehungen, so Robert Sakrowski in Identität und soziale Netzwerke, werden durch komplexe Verkettungen immer ferner:
Die Veröf­fent­li­chung der perma­nen­ten Selbst­re­fle­xion, der unun­ter­bro­che­nen Doku­men­ta­tion von Ereig­nis­sen, erschafft durch das Teilen im Sozia­len Netz­werk eine Form der Zeugen­schaft, die die eigene Präsenz und Exis­tenz in der Welt beglau­bi­gen soll. Der eigent­li­che Event, das Doku­men­tierte bzw. der Inhalt spielt dabei keine wirk­li­che Rolle. Das Ereig­nis ist austausch­bar, einzig als Medium oder Doku­ment bedeut­sam für die im Teilen ange­strebte Zeugen­schaft. Die Ande­ren und ihre zum Teilen bestimm­ten Welten werden auf diese Weise zum konsti­tu­ti­ven Bestand­teil des soge­nann­ten "Real Life" des Einzel­nen. Ist der Einzelne bereit, die Funk­tion der Zeugen­schaft für die Ande­ren zu leis­ten, kann er eher erwar­ten, dass diese auch ihm gegen­über erbracht wird.
Katie Ellies schlägt in Die Facebook-Philosophie: Identität, Objekte und/oder Freunde? den Bogen zur Sozialphilosophie von George Herbert Mead:
In Meads Verständ­nis sozia­ler Inter­ak­tion und kommu­ni­ka­ti­ver Iden­ti­tä­ten spie­len die Kompo­nen­ten „me“ und „I“ eine wich­tige Rolle. Das „me“ ist die orga­ni­sierte Gruppe von Haltun­gen ande­rer, die man selbst einnimmt, während das „I“ die Reak­tion des Orga­nis­mus auf die Haltun­gen ande­rer bezeich­net. Das Selbst ist mit der sozia­len Exis­tenz eng verknüpft. Wenn Face­book-Nutzer entschei­den, „was sie gerade beschäf­tigt“ oder wenn sie ihren Status aktua­li­sie­ren, liefern sie eine Darstel­lung des Selbst oder des „me“, das auf ihrer bereits erfah­re­nen Sozia­li­sie­rung beruht. Wenn beispiels­weise ein Freund etwas über Cricket am Boxing Day postet oder eine Freun­din sich über die Blicke älte­rer Mütter beschwert, wenn sie ihre Kinder in Shorts in die Schule bringt, wählen sie eine bestimmte Iden­ti­tät, die sie darstel­len möch­ten. Auf Face­book ist die Iden­ti­tät eine Wahl, ein Objekt, das wir proji­zie­ren möch­ten. Wenn „ich“ [I] meineFace­book-Seite pflege, dann wähle ich ein „Ich“ [me], das ich der Welt und mir selbst vermit­teln will. Meine persön­li­che Iden­ti­tät wird aus einer Auswahl sozia­ler Iden­ti­tä­ten bestimmt.  
Wird die Evolution des Selbst künftig begleitet von der Evolution der Digitalen Identität, wie sie Fernando Gebara Filho in The Evolving Role of the Identity: From the Lone User to the Internet grob angerissen hat?
Digital identities and their use are still evolving, based on the evolution of online services that are provided by the ubiquity of the Internet. Identity management is no longer merely a set of procedures for authentication, authorization, and provisioning of user accounts.
Weitere Informationen:

DIGITAL IDENTITY CONVENTION, 16. & 17.1.2016, NRW-FORUM DÜSSELDORF

The Path to Self-Sovereign Identity

Identity and Digital Self-Sovereignty

Sonntag, 13. Dezember 2015

Einige Notizen über Bildung (Oskar Maria Graf)

Demjenigen, der großes Wissen erstrebt, strömen die Fakten zu, dem Gebildeten erschließt sich jedesmal eine Welt. Diese Welt ist vielschichtig und nicht auf einmal zu bewältigen, wie der Wißbegierige annimmt. Sie verändert sich mit den verschiedenen Lebensaltern oft so sehr, dass das Neue, das dabei hinzukommt, stets wie eben entdeckt wirkt. Deswegen die jedesmalige tiefe, stille Begeisterung über so eine Neuentdeckung beim Gebildeten. Neue Tiefen hellen sich auf, und höhere Gefühlsreize entstehen dabei. Dadurch ändert sich der ganze innere Mensch fortwährend. Nicht nur seine geistige Selbständigkeit reift, nicht nur seine Witterung für das Wesentliche steigert sich, auch die Art, Aufgenommenes gedanklich und gefühlsmäßig auszuschöpfen, nimmt ganz bestimmte Züge an, und zuletzt ist er der Ausdruck alles dessen. An die Stelle von Übertriebenheit und Banalität tritt die zwingende, klare Einfachheit, und das Kennzeichen eines wahrhaften Gebildeten ist sein völliges Freisein von jeder eitlen Überheblichkeit. 
Quelle: An manchen Tagen - Reden, Gedanken und Zeitbetrachtungen

Montag, 30. November 2015

"Selbst die nur oberflächlichen Gesetze der Dinge bleiben unerkannt" (Fernando Pessoa)

Selbst die nur oberflächlichen Gesetze der Dinge bleiben unerkannt. Wer von uns könnte heutzutage mit einer größeren Logik, mit einer größeren Nützlichkeit eine Lebensregel für sich und andere hervorbringen? Alle wissen, was sie nicht wollen, aber niemand weiss, was er überhaupt will. Und selbst bei dem, was sie nicht wollen, wissen sie nicht, warum sie es nicht wollen. ... Unsere Taten und unsere Gedanken sind nicht mehr einfach, sie wurden aber auch nicht komplex. Sie sind konfus und perplex geworden; sie blieben Skizzen von Handlungen, ausgeräumte Denkweisen. Niemand hat mehr die Energie, einer Idee zu folgen oder einen Weg zu gehen. Unsere Vorsätze kreisen wie Wetterfahnen. Unsere Ideen fallen zu Boden wie trockene Blätter. Selbst unsere Laster sind traurig und schwach. Sie sind nicht aus einem heißen Exzess des Lebens heraus geboren, sondern aus dem eines Fiebers, einer Unruhe, die sagt, dass das Leben nicht reicht, ohne aber zu begreifen, was reichen würde. 
Quelle: Denken mit Fernando Pessoa 

Sonntag, 29. November 2015

Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus Philosophie und Wissenschaft #21

Von Ralf Keuper

Wiederum eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus den Bereichen Philosophie und Wissenschaft, die mir in den vergangenen Tagen/Wochen aufgefallen sind:

Hannah Arendt - Intellektuelle und die Machtergreifung Hitlers

Von Ralf Keuper

In einem Fernsehinterview mit Günter Gaus schilderte Hannah Arendt das Klima unter Intellektuellen in Deutschland 1933 und den Jahren davor. 


Freitag, 27. November 2015

Befähigung für das historische Studium (Jacob Burckhardt)

Für den, welcher wirklich lernen, d.h. geistig reich werden will, kann nämlich eine einzige glücklich gewählte Quelle das unendlich Viele gewissermaßen ersetzen, indem er durch eine einfache Funktion seines Geistes das Allgemeine im einzelnen findet und empfindet.  
Es schadet nichts, wenn der Anfänger das Allgemeine auch wohl für ein Besonderes, das sich von selbst Verstehende für etwas Charakteristisches, das Individuelle für ein Allgemeines hält; alles korrigiert sich bei weiterem Studium, ja schon das Hinzuziehen einer zweiten Quelle erlaubt ihm durch Vergleichung des Ähnlichen und des Kontrastierens bereits Schlüsse, die ihm zwanzig Folianten nicht reichlicher gewähren. 
Aber man muss auch suchen und finden wollen .. . Man muss glauben, dass in allem Schutt Edelsteine der Erkenntnis vergraben liegen, sei es von allgemeinem Wert, sei es von individuellem für uns; eine einzelne Zeile in einem vielleicht sonst wertlosen Autor kann dazu bestimmt sein, dass uns ein Licht aufgehe, welches für unsere ganze Entwicklung bestimmend ist.
Quelle: Weltgeschichtliche Betrachtungen

Sonntag, 22. November 2015

Die Entstehung der ersten Universitäten in Europa

Im konstitutionellen Sinne war die Universität aus der Dom- oder Kathedralschule hervorgegangen, die vom Bischof und den Domherren verwaltet wurde. Allmählich ging dann das Recht, Lehraufträge zu erteilen, aus den Händen des Bischofs in diejenigen des Kanzlers der Kathedrale über, und das Bedürfnis der Lehrer nach einer eigenen Organisation führte später zur Bildung von Magisterzünften oder -gilden, woraus sich mit der Zeit die Universität entwickelte. 

Eine Universität besaß damals eine sehr viel größere Verwandschaft mit einer Zunft oder Gilde, als uns dies heute bewusst ist. "Universitas vestra" war die höfliche Form, mit der irgendeine Körperschaft angeredet wurde, handelte es sich nun um eine Vereinigung von Magistern oder um eine solche von Schuhflickern, weshalb der Begriff "universitas" im Mittelalter niemals im absoluten, sondern immer in einem qualifizierten Sinne verwendet wurde; der Ausdruck "Universität von Paris" stellte nur eine praktische Abkürzung für jene "universitas" dar, in der Kanzler, Magister und Scholaren von Paris zusammengeschlossen waren. In ähnlicher Weise lautete die mittelalterliche Bezeichnung für einen Ort, an dem höhere Studien betrieben wurden "studium generale", doch verstand man darunter nicht etwa eine Institution, an der alle Fächer gelehrt wurden, sondern vielmehr eine solche, an der Studenten aus allen möglichen Teilen der Welt ihren Studien nachgehen können.  
Die Anfänge der Universität Paris gehen ungefähr auf das Jahr 1160 zurück. Doch erst im 13. Jahrhundert kann man von einer eigentlichen Universität sprechen, die nun nicht länger aus einer Reihe von Domschulen mit umherziehenden Lehrern bestand, sondern mehr oder weniger straff organisiert war und über eigene fest angestellte Professoren verfügte; wenn die Studenten den Grad des Baccalaureus erworben hatten, so stand ihnen der Besuch der höheren Fakultäten, nämlich der theologischen, rechtlichen oder medizinischen offen. Die Zunft der Magister hatte sich endgültig ihren Platz in der Stadt erobert. 
Quelle: Joan Evans: Das Leben im mittelalterlichen Frankreich

Weitere Informationen: 

Donnerstag, 19. November 2015

Die realen Kategorien in den Geisteswissenschaften sind nirgends dieselben wie in den Naturwissenschaften (Wilhelm Dilthey)

Die realen Kategorien sind aber in den Geisteswissenschaften nirgends dieselben als in den Naturwissenschaften. .. Keine reale Kategorie kann so, wie sie in der Naturwissenschaft gilt, für die Geisteswissenschaften Geltung beanspruchen. Wird das in ihr abstrakt ausgedrückte Verfahren auf die Geisteswissenschaften übertragen, so entstehen jene Grenzüberschreitungen des naturwissenschaftlichen Denkens, welche genau ebenso verwerflich sind als innerhalb der Naturwissenschaften das Hineintragen des geistigen Zusammenhangs in die Natur, aus dem die Naturphilosophie Schellings und Hegels hervorging. Es gibt in der geschichtlichen Welt keine naturwissenschaftliche Kausalität, denn Ursache im Sinne dieser Kausalität schließt in sich, dass sie nach Gesetzen mit Notwendigkeit Wirkungen herbeiführt; die Geschichte weiss nur von den Verhältnissen des Wirkens und Leidens, der Aktion und Reaktion.
Um gleichviel wie eine künftige Naturwissenschaft den Begriff von Substanzen als Trägern des Geschehens oder von Kräften als den Erwirkern desselben fortbilden mag zu neuen Begriffen: all diese Begriffsbildungen des naturwissenschaftlichen Erkennens sind für die Geisteswissenschaften irrelevant. Die Subjekte der Aussagen über die geschichtliche Welt vom individuellen Lebensverlauf bis zu dem der Menschheit bezeichnen nur eine bestimmte Art von Zusammenhang in irgend einer Abgrenzung. Und wenn die formale Kategorie des Verhältnisses vom Ganzen zum Teil diesem Zusammenhang und dem des Raumes, der Zeit, des organisierten Wesens gemeinsam ist, so erhält sie im Reich der Geisteswissenschaften aus dem Wesen des Lebens und dem ihm entsprechenden Verfahren des Verstehens erst einen eigenen Sinn, den eines Zusammenhanges, in welchem die Teile verbunden sind. Wobei auch hier nach dem Charakter der Evolution der in unsere Erfahrung fallenden Wirklichkeit das organische Leben als ein Zwischenglied zwischen der unorganischen Natur und der geschichtlichen Welt, sonach als eine Vorstufe der letzteren anzusehen ist.
Quelle: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften

Montag, 16. November 2015

Über die biologisch-ökonomische Denkart (Rudolf Eucken)

Da dieser Lebenstypus (der naturalistische, RK) alle Selbständigkeit des Geisteslebens verwirft, so kann geistige Betätigung ihm nur zusammen mit dem sinnlichen Dasein, als ein Stück oder Anhang von diesem bestehen. Daher hat jene sich ganz und gar dem Naturleben anzuschmiegen, nie kann sie eine Bewegung von sich aus erzeugen, nie eigene Wege verfolgen; die Seele hat hier keinen Eigenbesitz, sie empfängt alles aus der Umgebung und bleibt streng an sie gebunden. So erzeugt das Denken hier nicht selbständige Begriffe, sondern alle Begriffe werden bloße Abkürzungen sinnlicher Eindrücke, so gibt es keine reingeistigen Güter, sondern den Kern allen Glücks bildet der, wenn auch verfeinerte, sinnliche Genuss. Es bestimmt sich das aber genauer von dem Naturbilde her, das die mechanische Theorie entwirft und mit Hilfe der Abstammungslehre der Gegenwart eindringlich vorhält. Hier löst die Natur sich ganz und gar in ein Nebeneinander einzelner Kräfte auf, die in der Enge des Daseins hart zusammenstoßen und sich in unablässigem Kampf gegeneinander behaupten müssen. Dieser Kampf aber wird ein Quell des Fortschritts, indem er alles für die Selbsterhaltung Nützliche entwickelt, befestigt und sammelt; es entsteht damit eine biologisch-ökonomische Denkart, die alle bisherige Schätzung der Güter umkehrt. 
Nun entschwindet alles an sich Wertvolle aus der Welt, es muss jetzt als ein unklarer, ja sinnloser Begriff erscheinen; der allbeherrschende Wert wird das Nützliche, das, was die Lebewesen im Kampf ums Dasein fördert. So wird hier im Wahren nicht ein Wesen der Dinge erstrebt, sondern wahr heißen lediglich Vorstellungen und Gedankenmassen, welche die beste Anpassung der Menschheit an die Lebensbedingungen vollziehen und eben damit Individuen zusammenhalten; hier spricht zum Menschen nicht mehr ein Gutes aus überlegener Hoheit, sondern gut heisst, was innerhalb unserer Erfahrung der Erhaltung des Lebens dient; auch das Schöne ordnet sich dem Nützlichen ein und behauptet sich lediglich durch seine Leistung für die Lebenserhaltung. 
Quelle: Grundlinien einer neuen Lebensanschauung 

Sonntag, 15. November 2015

Der Impressionismus im Wandel der Zeit

Von Ralf Keuper

In diesem Jahr haben sich in Deutschland einige Ausstellungen mit der Geschichte und Bedeutung des Impressionismus beschäftigt, darunter:

Japans Liebe zum Impressionismus. Von Monet bis Renoir in der Bundeskunsthalle Bonn. 


Impressionismus - Expressionismus. Kunstwende in der Alten Nationalgalerie Berlin


Monet und die Geburt des Impressionismus im Städel-Museum Frankfurt.


Den Denkstil des Neoimpressionismus beschrieb Nello Ponente am Beispiel von Pissaro:
Dem Verhältnis Pissaros zur Wissenschaft liegt eine Idee zugrunde: er ist ein Sozialist, der an den Fortschritt zur Verbesserung der sozialen Gegebenheiten glaubt; denn die Wissenschaft kann das mühsame Dasein des Menschen erleichtern und durch die Logik ihres Verfahrens auch der Gesellschaft eine logische Struktur geben. Diese menschliche Seite des wissenschaftlichen Idealismus Pissaros spiegelt sich in seiner Malerei schon zur Zeit des Impressionismus. Fénéon hat von ihm gesagt, er habe "dem Neoimpressionismus seine mathematische Strenge der Analyse und die Autorität seines Namens zugebracht"; diese Bemerkung ergänzt Lionello Venturi, wenn er sagt, Pissaro habe vor allem durch seine gläubige und impulsive Menschlichkeit gewirkt. Der Divisionismus Pissaros ist jedoch nicht streng hieratisch streng wie der Seurats, denn er bleibt dem dreidimensionalen malerischen Raum treu; die Intensität des Lichtes aber ist das Ergebnis einer phantasievollen Intuition, welcher eine äußerste Geometrisierung des Raumes nicht entsprechen würde. Pissaro übernimmt zwar Theorie und Technik des Divisionismus, sucht aber mehr die Verschmelzung der Töne als die gleichzeitigen Kontraste. Im übrigen war dieses Experiment für ihn nicht von langer Dauer, denn er begann schon 1890 sich von ihm zu entfernen (in: Die Struktur der modernen Welt. 1850 - 1900)
Aber nicht nur die Vertreter des Neoimpressionismus erprobten neue Verfahren, auch die Impressionisten der ersten Stunde, wie Monet und Renoir, begannen mit neuen Methoden zu experimentieren:
Renoir bekennt an einem gewissen Punkt, dass er sich "in einer Sackgasse" befinde; als er 1881 nach Italien reiste, entdeckte er in Rom das, was er "die Weisheit Raffaels" nannte, und der Tribut, den er ihr auf dem Wege über Ingres zu schulden glaubte, belastete sein bisher problemloses Schaffen. Er hielt es aber nicht lange in dieser Zwangslage aus und fand schon 1885 den Weg in die Freiheit zurück. Selbst Monet, der Impressionist im eigentlichen Sinne, analysiert die Lichtwirkungen immer methodischer; im Hinblick auf den Impressionismus bemerkte er schon 1880, dieser sein einst eine Kirche gewesen und nun zu einer banalen Schule geworden, die allen offen stehe. .. Und doch bleibt der Impressionismus für alle Maler, auch wenn sie völlig andere Lösungen suchen wie Gauguin, van Gogh, Toulouse-Lautrec, ein einmaliger geschichtlicher Augenblick, denn ihm ist der erste entschlossene Bruch mit der Tradition gelungen, er hat den ersten Schritt zur Überwindung der objektiven Außenwelt getan, die fortan nicht mehr gegeben ist, sondern durch die Innenwelt des Künstlers, durch ein neues Bewusstsein ersetzt wird (ebd.).

Mittwoch, 11. November 2015

Wir mit unserer gemischten Sammlung von Theorien und Vorurteilen .. (John C. Eccles / Daniel N. Robinson)

Wir mit unserer gemischten Sammlung von Theorien und Vorurteilen werden künftigen Historikern als Studienobjekte dienen. Sie werden zweifellos erstaunt sein über die Leichtgläubigkeit, die wir bei allen möglichen modischen Ideen an den Tag legen, und nachdem sie deren Wert geschätzt haben werden, werden sie unsere Zeit zwischen die Musterexemplare von Weisheit und Torheit zurückstellen.

Wir werden natürlich alle tot und vergangen sein, wenn diese Urteile gefällt werden, aber das ist kein Grund, keinen guten Eindruck zu hinterlassen. Und wenn auch nur aus diesem Grund - es gibt weitaus zwingendere Gründe - müssen wir uns in Abständen über unsere alltäglichsten Konzeptionen klarwerden und bereit sein, einzugestehen, dass viele von ihnen unter die Rubrik: reine Ideologie, Aberglauben, fallen. Der historische Überblick zeigt, dass jedes Zeitalter bis jetzt seine besonders gehegten abergläubischen Vorstellungen hatte. Eine neue Zeit bricht an, wenn diese als solche identifiziert und verworfen werden. Eine neue Saat abergläubischer Ideen wartet schon im Verborgenen. Unsere abergläubischen Vorstellungen werden alle von einer kritischeren Nachwelt zurückgewiesen, aber einige von ihnen richten in unserer Zeit Schaden an und sollten ausgemerzt werden, selbst wenn es keine Zukunft gäbe, die auf uns zurückblicken könnte.
Quelle: John C. Eccles / John N. Robinson: Das Wunder des Menschseins - Gehirn und Geist

Meine Favoriten für die Rubrik Reine Ideologie, Aberglauben:

Montag, 9. November 2015

Angela Merkel: Kanzlerin ohne Augenmaß

Von Ralf Keuper

Der Regierungsstil von Kanzlerin Merkel war bisher nach landläufiger Meinung von einem gewissen Pragmatismus geprägt. Kritiker sprechen dagegen seit längerem vom Sich Durchwursteln (Muddling Through). Einige nennen es schlicht Opportunismus. 

Nun ist es für einen Spitzenpolitiker, um so mehr für eine Bundeskanzlerin, gewiss nicht immer einfach, die Balance zwischen Pragmatismus, Idealismus und Opportunismus zu finden. Es wäre ungerecht, der Kanzlerin vorzuwerfen, sich bei ihren Entscheidungen von Stimmungen und dem Willen zur Macht leiten zu lassen. Das taten vor ihr bereits Konrad Adenauer, Helmut Kohl und Gerhard Schröder. In Sachen Pragmatismus dürfte Konrad Adenauer wohl unerreicht sein. Sein langjähriger Wegbegleiter Carlo Schmid, seinerzeit einer der führenden Sozialdemokraten, beschrieb Adenauers Regierungsstil einmal so:
Politik bedeutete ihm rationaler Umgang mit der Macht, um sich dort behaupten zu können, wo der Gang der Dinge bestimmt wird und Energien ausgelöst werden, die nach außen und nach innen das Leben des Staates ausmachen. Seine Ideologie war einfach: Die Menschen sind so, wie sie immer waren, und reagieren darum, wie sie immer reagierten. Ihre Wünsche sind stets die gleichen: Sicherheit, Wohlstand, Geborgenheit des Leibes und der Seele und ein wenig Glück. Konrad Adenauer war kein sehr belesener Mann. Sein Vokabular war bescheiden und seine Gedankenwelt einfach. Er sah darin einen Vorzug für den Politiker, weil es ihm bei den Dingen des Staates nach seiner Ansicht um Probleme geht, die zu erfassen der gesunde Menschenverstand ausreicht und bei deren Meisterung hoher Gedankenflug nur schaden kann.
In seinem noch heute lesenswerten Vortrag Politik als Beruf machte Max Weber drei Qualitäten aus, über die ein Spitzenpolitiker im richtigen Maß verfügen sollte:
Man kann sagen, daß drei Qualitäten vornehmlich entscheidend sind für den Politiker: Leidenschaft – Verantwortungsgefühl – Augenmaß. Leidenschaft im Sinn von Sachlichkeit: leidenschaftliche Hingabe an eine »Sache«, an den Gott oder Dämon, der ihr Gebieter ist. Nicht im Sinne jenes inneren Gebarens ... : eine ins Leere verlaufende »Romantik des intellektuell Interessanten« ohne alles sachliche Verantwortungsgefühl. Denn mit der bloßen, als noch so echt empfundenen Leidenschaft ist es freilich nicht getan. Sie macht nicht zum Politiker, wenn sie nicht, als Dienst an einer »Sache«, auch die Verantwortlichkeit gegenüber ebendieser Sache zum entscheidenden Leitstern des Handelns macht. Und dazu bedarf es – und das ist die entscheidende psychologische Qualität des Politikers – des Augenmaßes, der Fähigkeit, die Realitäten mit innerer Sammlung und Ruhe auf sich wirken zu lassen, also: der Distanz zu den Dingen und Menschen. »Distanzlosigkeit«, rein als solche, ist eine der Todsünden jedes Politikers und eine jener Qualitäten, deren Züchtung bei dem Nachwuchs unserer Intellektuellen sie zu politischer Unfähigkeit verurteilen wird. Denn das Problem ist eben: wie heiße Leidenschaft und kühles Augenmaß miteinander in derselben Seele zusammengezwungen werden können? Politik wird mit dem Kopfe gemacht, nicht mit anderen Teilen des Körpers oder der Seele. Und doch kann die Hingabe an sie, wenn sie nicht ein frivoles intellektuelles Spiel, sondern menschlich echtes Handeln sein soll, nur aus Leidenschaft geboren und gespeist werden. Jene starke Bändigung der Seele aber, die den leidenschaftlichen Politiker auszeichnet und ihn von den bloßen »steril aufgeregten« politischen Dilettanten unterscheidet, ist nur durch die Gewöhnung an Distanz – in jedem Sinn des Wortes – möglich. Die »Stärke« einer politischen »Persönlichkeit« bedeutet in allererster Linie den Besitz dieser Qualitäten.
Was den Punkt Leidenschaft betrifft, maße ich mir kein Urteil an. Ähnliches gilt für den Punkt Verantwortungsgefühl, obschon das Handeln der letzten Zeit hier m.E. das nötige Maß vermissen lässt. Gravierende Defizite sind jedoch beim Punkt Augenmaß bzw. der Fähigkeit, die Realitäten mit innerer Sammlung und Ruhe und der nötigen Distanz zu den Dingen auf sich wirken zu lassen, nicht mehr zu übersehen. Hektik und eine Politik des Basta im Sinne von "Es gibt keine Alternative" oder "Es gibt keine Obergrenze", offenbaren neben einem bedenklichen Realitätsverlust auch totalitäre , plutokratische Züge. 

Kurzum: Eine Kanzlerin mit mangelndem Augenmaß. 

Weitere Informationen:

Psychogramm einer Kanzlerin

Wenn nicht Ethik, sondern Pragmatik als Richtschnur dient

Interview zu Merkel: „Imperialismus mit Tarnkappe"

Eine Auswahl von Beiträgen zur Flüchtlingskrise

Von Ralf Keuper

Hier eine subjektive Auswahl von Beiträgen zur Flüchtlingskrise, die ich für geeignet halte, um sich einen Überblick über den Stand der Diskussion zu verschaffen:
Beiträge, deren Positionen ich nur bedingt teile, die ich aber dennoch für wichtig halte, um sich ein Bild zu machen:
Ausdrücklich empfehlen möchte ich den Blog Wiesaussieht von Frank Lübberding.

Freitag, 6. November 2015

Muss der Versailler Vertrag von 1919 neu bewertet werden?

Von Ralf Keuper

Nicht nur in Deutschland herrscht in vielen Kreisen der Konsens, dass der Versailler Vertrag von 1919 mit den darin festgelegten Reparationszahlungen eine schwere Hypothek für die Weimarer Republik war, die wesentlich zu ihrem Scheitern beigetragen hat. Die festgeschriebenen Zahlungen waren für die deutsche Wirtschaft einfach zu hoch, weshalb sie in den 1920er Jahren nie richtig Tritt fassen konnte; ein Umstand, der Adolf Hitler in die Arme spielte. 

Für besonderes Aufsehen sorgte damals John Maynard Keynes mit seinem Erfahrungsbericht Krieg und Frieden. Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrags von Versailles. Die Neuauflage vor wenigen Jahren sorgte in den Feuilletons für rege Tätigkeit:
Da kommt Margaret McMillan, eine Urenkelin von Lloyd George, in ihrem Buch Die Friedensmacher. Wie der Versailler Vertrag die Welt veränderte, das bereits vor fünfzehn Jahren erschien und erst jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt, zu einer anderen Bewertung des Versailler Vertrages. In seiner Besprechung schreibt Ignaz Miller
Der britische Ökonom John Maynard Keynes, der als Vertreter des Schatzamtes der britischen Delegation in Versailles angehört hatte, begnügte sich für sein berühmt gewordenes - und blitzartig ins Deutsche übersetzte - Pamphlet „Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages“ mit Zahlenmaterial, das die deutsche Propaganda in der niederländischen Presse verbreitete. Entsprechend gering war die deutsche Zahlungskraft. Das Deutsche Reich holte jedoch beispielsweise aus dem besetzten Frankreich von 1940 bis 1944 über 600 Milliarden Francs heraus. Also in knapp vier Jahren ein Mehrfaches der gesamten deutschen, auf viele Jahrzehnte angelegten Reparationsverpflichtungen. Dies wird bis heute gerne übersehen.
Notiz am Rande: Nach dem Deutsch-französischen Krieg legte das Deutsche Kaiserreich dem besiegten Frankreich Reparationszahlungen auf, die so hoch ausfielen, dass in Deutschland ein Börsen- bzw. Gründerkrach die Folge war. Auf Wikipedia heisst es dazu: 
Nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/1871 beschleunigten die umfangreichen Reparationen, die Frankreich an das Deutsche Reich leisten musste, die wirtschaftliche Blüte der Gründerjahre. Ein Teil wurde als Reichskriegsschatz im „Juliusturm“ der Zitadelle Spandau bis 1918 gehortet. Insgesamt musste Frankreich 5 Milliarden Goldfranc an das Deutsche Reich zahlen.
Insofern verständlich, dass vor allem die Franzosen auf hohen Reparationszahlungen bestanden. Die Reparationszahlungen haben den deutschen Staat übrigens noch sehr lange, bis in das Jahr 2010 beschäftigt, wie die Zeit in Deutschland begleicht letzte Schulden aus Erstem Weltkrieg festhielt: 
Mit dem zwanzigsten Jahrestag der Wiedervereinigung am Sonntag werden letzte Zinszahlungen in Höhe von fast 200 Millionen Euro für Staatsanleihen fällig, die in den zwanziger Jahren aufgelegt wurden, um die Entschädigungszahlungen Deutschlands nach dem Krieg zu finanzieren.
Ob der Versailler Vertrag neu bewertet werden muss, vermag ich abschließend nicht zu beurteilen. Eine der Lehren aus dem Vertrag war jedenfalls, dass die Siegermächte nach dem 2. Weltkrieg es unterließen, Deutschland mit Reparationszahlungen die Chance zu nehmen, schnell wieder auf die Beine zu kommen, obwohl der Anlass dazu damals weitaus berechtigter gewesen wäre als 1919. 

Donnerstag, 5. November 2015

Regieren mit dem Ausnahmezustand

Von Ralf Keuper

Mit Blick auf die Politik der Bundesregierung in der Flüchtlingskrise drängt sich mir immer mehr der Eindruck auf, dass der Ausnahmezustand im Hintergrund Regie führt. Der höchst umstrittene Staatsrechtler Carl Schmitt prägte den Satz:
Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.
Was das angeht, kann man der Bundesregierung unter Angela Merkel kaum mangelnde Souveränität vorwerfen ;-)

Weitere Informationen:

Angela Merkels Willkür zerstört den Rechtsstaat in Europa

Flucht: Gedanken

Spätrömische Dekadenz?

Montag, 2. November 2015

Ein Stil, der gesucht und geschraubt wird, um aufzufallen, ist schlecht (Auguste Rodin)

Ein Stil, der gesucht und geschraubt wird, um aufzufallen, ist schlecht. Nur der Stil ist gut, der hinter dem handelnden Sujet zurück tritt, der die Aufmerksamkeit des Lesers ganz auf den seelischen Gehalt lenkt.
Künstler, die mit ihrer Zeichnung prunken, Schriftsteller, die das Lob auf ihren Stil lenken wollen, gleichen Soldaten, die sich ihrer Uniform brüsten, jedoch weigern würden, in eine Schlacht zu gehen, oder Ackersleuten, die, anstatt den Pflug in die Erde zu senken, nur darauf bedacht wären, die Pflugschar fortwährend blank zu putzen.
Die wahrhaft schöne Zeichnung und der wahrhaft schöne Stil werden niemals an und für sich gelobt. Man denkt gar nicht daran, weil das Interesse für das, was sie ausdrücken, vollkommen in Anspruch genommen ist. Dasselbe gilt für die Farbe. Es gibt in Wirklichkeit weder einen schönen Stil, noch eine schöne Zeichnung, noch eine schöne Farbe, es gibt nur eine einzige Schönheit, die Schönheit der sich offenbarenden Wahrheit. Sobald eine Wahrheit, eine tiefe Idee, ein mächtiges Gefühl in einem literarischen oder künstlerischen Werke kund wird, ist es ganz selbstverständlich, dass sein Stil seine Farbe und Zeichnung hervorragend sind. Diese Eigenschaft ist jedoch nur ein Reflex der Wahrheit. 
Quelle: Rodin. Die Kunst

Samstag, 31. Oktober 2015

Das Falkenbuch Friedrichs II. von Hohenstaufen

Von Ralf Keuper

Friedrich II von Hohenstaufen ist für viele Historiker, darunter Jacob Burckhardt, eine der herausragendsten Gestalten des Mittelalters. Er versetzte seine Mitwelt ins Staunen. Dabei war Friedrich der II. mehr als nur der mächtigste Herrscher Europas zu jener Zeit, sondern auch ein ungewöhnlich gebildeteter und vielseitig interessierter Mann, der eigene Forschungen betrieb, deren herausragendstes Beispiel das Falkenbuch ist. Viele sehen darin einen Vorläufer der modernen Wissenschaft, weil Friedrich II anhand eigener Beobachtungen und Versuchsanordnungen logische Schlussfolgerungen anstellte, die noch Jahrhunderte nach der Niederschrift des Falkenbuches bestätigt wurden. 


Georgina Masson schreibt über das Falkenbuch:
Für das Mittelalter war jedoch De Arte Venandi cum Avibus in vieler Hinsicht etwas ganz Neues. Vor dem gesammelten Schriftum der Zeit zeichnet das Werk sich aus durch wissenschaftliche Behandlung des Themas und die klare Anordnung, durch bewusstes Ausscheiden aller Tatsachen, die nicht durch Beobachtungen des Verfasser oder zuverlässiger Mitarbeiter erhärtet waren, sowie durch den einfachen und klaren Stil. Zweifellos verdankte es vieles der Zoologie des Aristoteles, die von Michael Scotus zu Beginn des Jahrhunderts übersetzt worden war; aber Friedrich zeigt sich mehrfach mit der Beschreibung, die Aristoteles von den Vögeln und ihren Gewohnheiten gibt, nicht einverstanden: "Wir sind dem Aristoteles gefolgt, wenn es sich schickte, aber in vielen Fällen, und besonders, wenn er von der Natur einiger Vögel schreibt, scheint er von der Wahrheit abgewichen zu sein. So konnten Wir Uns dem Fürsten der Philosophen nicht immer anschließen, da er ja selten oder nie Jagd betrieben hat, die Wir seit jeher geliebt und geübt haben". (in: Das Staunen der Welt. Friedrich II. von Hohenstaufen).
Scheinbar galt für Friedrich II. bereits das Postulat von Kant: Sapere Aude!

Samstag, 24. Oktober 2015

Mythisches Venedig (Michelangelo Muraro)

Die natürliche Umwelt Venedigs, das Wasser, sagt Goethe, war so stark, dass sie einen Menschentypus für sich schuf, verschieden von allen anderen. Auf diesen fast verlassenen Inseln war der Mensch Alleinherrscher. Venedig ist wie ein einziges großes Haus, worin man sich frei bewegt; eine Stadt, so sehr auf ihre Umwelt und ihr Lebensgefühl zugeschnitten, dass auch die heutige Zeit sie nicht grundlegend verändern konnte. In dieser Welt wird der Mensch nicht zu abstraktem Denken verleitet, sondern erwirbt sich, angesichts der drängenden Kräfte der Natur, des alles beherrschenden Wassers, der Unbilden der Witterung und des Windes, der sein Schiff treibt, einen Sinn für das Konkrete, Reale, sei es in seinen Beziehungen zu den Dingen oder zur Gesellschaft; er lernt das Leben und seine vielfältigen Gaben schätzen, bewahrt alles Vergangene und bewertet das Gegenwärtige, Gute, ist voll Aufschwung und Vertrauen, bereit, sein ganzes Wesen einzusetzen. Diese Liebe zur Wirklichkeit erklärt die beiden anderen Grundgegebenheiten der Seele Venedigs: die Achtung vor der Vergangenheit und den weltoffenen Charakter der ganzen Stadt.
Instinktiv folgt der Kaufmann nicht einem festen Schema, oder vorgefassten Ideen, sondern wählt das Gute da, wo er es findet. Er stellt nicht die Gegenwart kritisch der Vergangenheit gegenüber, noch verneint er die eine oder die andere. Deshalb sieht man in Venedig alte Traditionen weiterleben, während es sich gleichzeitig neuen und fortschrittlichen Ideen öffnet. Seine Geschichte ist die eines dauernden Wachstums, und so gut wie man niemals ein altes Gesetz aufhob, so gut wurden Denkmäler und Kunstwerke nicht ersetzt, nur weil sie der Vergangenheit angehörten. Venedig ist die Stadt des verständnisvollen Zusammenlebens und der unvorgesehensten Nachbarschaften, von welcher Berengo schreiben konnte: "Das Gesicht Venedigs ist das einer Stadt, die an der Grenze zwischen Europäern und Türken, Armeniern und Griechen, Katholiken und Protestanten, orthodoxen Juden und Muselmanen liegt". Die dauernde Gegenwart einer so lebendigen Vergangenheit ermöglichte jederzeit unvermutete, wertvolle Begegnungen, ahnungsvolle Blick in die Zukunft.
Quelle: Venedig und seine Kunstschätze 

Weitere Informationen:

Wenn Venedig stirbt. Streitschrift gegen den Ausverkauf der Städte

Dienstag, 20. Oktober 2015

Der deutsche Ingenieur - ein Auslaufmodell?

Von Ralf Keuper

Zugegeben: In letzter Zeit drängte sich einem häufiger der Eindruck auf, dass die deutsche Ingenieurskunst ihren Zenit überschritten hat. Vorläufiger Höhepunkt ist sicherlich der VW-Skandal, der - je nach Sichtweise - einmal mehr unter Beweis gestellt hat, wozu deutsche Ingenieure in der Lage sind. 

Dennoch erscheint es mir zu früh, den Abgesang auf den deutschen Ingenieur anzustimmen, wie in dem lesenswerten Beitrag Deutschlands Problem ist der deutsche Ingenieur. Das bedeutet nicht, dass das German (Over-)Engineering keine Generalüberholung benötigt. Es ist weitgehend zutreffend, dass deutsche Ingenieure mittlerweile vorwiegend in der Optimierung des Bestehenden brillieren und weniger in der Konstruktion von Produkten und Lösungen, die vielleicht nicht ganz perfekt sind, den Ansprüchen der Kunden aber genügen, ja sogar von ihnen weiterentwickelt werden. Was früher einmal als Bonmot in der Softwareentwicklung kursierte: Die Banane reift beim Kunden, ist heute an vielen Stellen Standard. 

Vor einigen Wochen schrieb ich in Deutsche Industrie: Auch digital "unkaputtbar" ?
Bisher basierte das deutsche Modell auf vergleichsweise langen Innovationszyklen, die genügend Zeit für die schrittweise Verbesserung, für German (Over-) Engineering ließen. Im digitalen Zeitalter gilt das häufig nicht mehr. Die Zyklen werden kürzer, die Produkte nicht selten nach der Auslieferung weiter bearbeitet. Ein Modus, den die Deutschen bisher nicht wirklich beherrschen. Hier gilt noch immer: Unsere Produkte sind, allein schon wegen ihrer hohen Qualität, selbsterklärend. Falls es doch mal Probleme gibt, rückt der Kundenservice aus - oder der Kunde muss in die Werkstatt. Was aber, wenn die Produkte im ersten Wurf gar nicht so perfekt sein und vielleicht auch gar nicht mehr diese Perfektionsgrad erreichen müssen, da ihre Lebensdauer ohnehin begrenzt ist? Stattdessen handelt es sich künftig um einen kontinuierlichen Formwandel. Die Gefahr besteht, dass sich die deutsche Industrie mit ihrem Hang zum Over Engineering in eine Komplexitätsfalle begibt, wie sie Jürgen Kluge u.a. in Wachstum durch Verzicht. Schneller Wandel zur Weltklasse: Vorbild Elektronikindustrie thematisiert haben
Noch vor wenigen Jahren waren mahnende Stimmen aus den Reihen einiger Wirtschaftsjournalisten zu vernehmen, wonach die wachsende Zahl von Finanzleuten an der Spitze einst von Ingenieuren geführter Unternehmen ein Abfall von alten bewährten Tugenden sei. Viele sehen in der Tatsache, dass Finanzprofis den Ton in vielen DAX-Unternehmen angeben, eine akute Gefahr für die Innovationsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Bei der Gelegenheit macht auch häufig das Wort vom Managerismus die Runde. 

Wer mit Mitarbeitern sog. Hidden Champions spricht, bekommt häufig zu hören, dass die wachsende Zahl der Controller das eigentliche Problem ist. Dazu passt die Abrechnung von Bob Lutz, einem der führenden Automobilmanager der letzten Jahrzehnte, in seinem Buch Car Guys vs Bean Counters: The Battle For The Soul Of American Business. Legendär ist der Einfluss der Controller bei Bertelsmann. Den ehemaligen RTL-Chef Helmut Thoma veranlasste die hohe Zahl von Contollern bei Bertelsmann einmal zu der Bemerkung: 
In Gütersloh sitzt auf jedem Baum ein Controller.
Nicht wenige führen die Tatsache, dass Bertelsmann in den letzten Jahren den Anschluss an die Weltspitze in der Medienbranche verloren hat, auf den Einfluss der Controller zurück. Optimierung, Verbesserung des Bestehenden, risikoadverses Verhalten, geringe Investitionen in neue, dafür um so mehr in laufende Geschäftsmodelle sind die Folge. Clayton Christensen machte in seinem Buch The Innovator's Dilemma diese Haltung, die Bevorzugung vermeintlich sicherer Geschäftsfelder, dafür verantwortlich, dass neue Chancen übersehen werden und Investitionen in neue Geschäftszweige unterbleiben, bis es irgendwann zu spät ist. 

James Utterback erklärte das Verhalten einst erfolgreicher Unternehmen, die sich gegen Innovationen stemmen, wie folgt:    
Ein wiederkehrendes Muster der Fälle in dieser Studie liegt in der Häufigkeit, mit der sich mächtige Wettbewerber nicht nur gegen innovative Bedrohungen stemmen, sondern auch gegen alle Versuche, diese zu verstehen. Lieber gehen sie in Deckung und verschanzen sich mit ihren älteren Produkten. Das führt dann zu einem gewaltigen Anstieg von Produktivität und Leistungen, mit der die alte Technologie unter Umständen einen noch nie dagewesenen Aufschwung erlebt. Aber in den meisten Fällen ist das nur das letzte Aufbäumen für dem endgültigen Tod (in: Mastering the Dynamics of Innovation).
Ein besonders gutes Beispiel für diese Haltung ist derzeit die deutsche Automobilindustrie. 

Andererseits gilt für Utterback aber auch:
Established firms also carry the burden of large investments in people, equipment, plant, materials, and knowledge, all of which are closely linked to the established technology. It takes a rare kind of leaderhip to shift resources away from areas where one currently enjoys success to an area that is new and unproven (ebd.).
Sofern nicht einer oder mehrere Personen an der Spitze das Ruder herum reißen, kann die beste Ingenieurskunst, ob deutschen oder amerikanischen Ursprungs, daran nichts ändern. Der Vorteil von Unternehmen wie Amazon, Google und Apple besteht eben darin, dass hier wenige Personen die nötigen Befugnisse haben, um einen rechtzeitigen Kurswechsel vornehmen zu können. Dass es sich dabei um die Eigentümer handelt, ist kein Zufall. Ein angestellter Manager wird dieses Risiko nicht eingehen. Der Aufsichtsrat würde es kaum goutieren. 

Insofern führt die Zuspitzung auf den Berufsstand des Ingenieurs, so berechtigt die Kritik in einigen Punkten auch ist, am eigentlichen Problem vorbei.