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Sonntag, 19. Januar 2014

Sebastian Haffner über die Ausgangslage des Deutschen Reiches vor dem 1. Weltkrieg

Von Ralf Keuper

In diesem Jahr wird an vielen Stellen des Ausbruchs des 1. Weltkrieges im Jahr 1914 gedacht. Hohe Wellen verursachte bereits das Buch Die Schlafwandler des australischen Historikers Christopher Clark. Darin spricht er Deutschland zwar nicht von der Schuld an dem Ausbruch des 1. Weltkrieges frei, relativiert jedoch die Rolle die das Deutsche Reich im Vorfeld gespielt hat. Bei Licht und historischer Distanz betrachtet, sei die Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts auf kollektives, diplomatisches Versagen in Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Russland zurückzuführen.  

Jetzt muss ich hinzufügen, dass ich das Buch von Clark bisher nicht gelesen habe. Es kann also durchaus sein, dass sich in dem Buch Aussagen finden, die ein noch differenzierteres Bild liefern. 

Trotzdem möchte ich an dieser Stelle die Aufmerksamkeit auf das Buch Die sieben Todsünden des Deutschen Reiches im 1. Weltkrieg von Sebastian Haffner lenken. Haffner bezieht, was die "Schuldfrage" betrifft, eine klare Position. Anfang des 20. Jahrhunderts war die Situation noch keineswegs so alternativlos, wie es vielleicht heute erscheinen mag. Verheerend war, wie sich herausstellen sollte, die Lage, in der sich Deutschland wiederfand, als sich England, Russland und Frankreich wider Erwarten aussöhnten. Deutschland war damit weitgehend isoliert. Aber auch jetzt war es laut Haffner noch nicht zu spät, um die Katastrophe zu verhindern und von den eigenen Machtphantasien Abschied zu nehmen: 
Jetzt wäre eigentlich der richtige Augenblick gewesen, Überblick zu gewinnen und zurückzustecken. Unwiderrufliches war noch nicht geschehen, auf Krieg eingestellt war noch niemand. Noch wäre es nicht unmöglich gewesen, den Knoten, der sich schürzte, behutsam wieder zu lösen. Aber sich nach der Decke zu strecken, unerreichbare Ziele aufzugeben, Fehlkalkulationen vor sich selbst einzugestehen und sich von einer gescheiterten Politik umsichtig wieder zu lösen, war damals wie heute Deutschlands schwache Seite. Lieber den Einsatz verdoppeln! Lieber mit dem Kopf durch die Wand!
Das Unglück nahm, wie wir heute wissen, seinen Lauf. Den ersten, fatalen Zug machte Deutschland. Der eigentliche Ursprung lag jedoch weit zurück: 
Aber der Anstoß zu dieser fatalen Veränderung ist eindeutig von Deutschland ausgegangen. Der entscheidende erste Fehler, den Deutschland - lange vor Kriegsausbruch - gemacht hat, war seine Abkehr von Bismarck. 
Die Motivation des Deutschen Reiches, es zumindest auf einen Krieg ankommen zu lassen, erscheint um so fragwürdiger, wenn man sich das "Programm" anschaut, mit dem Deutschland die Welt zu verändern gedachte: 
Wofür wollte Deutschland in seiner großen Epoche die Welt verändern? Was sollte Europa von dem deutschen 20. Jahrhundert Neues, Wichtiges, Besseres empfangen? Es gab keine Antwort. Macht um der Macht willen, Herrschaft um der Herrschaft willen - >weil wir jetzt dran sind< - >weil wir die Stärkeren sind<: das ist keine Legitimation. Das erweckt nichts als Widerstand und Hass. Damit ist kein Weltreich zu gründen
Das stellt sich die Frage: Wofür steht Deutschland heute, außer für Wettbewerbsfähigkeit?

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