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Mittwoch, 31. Dezember 2014

Die ersten Werke einer neuen Zeit (Franz Marc)

Die ersten Werke einer neuen Zeit sind unendlich schwer zu definieren. Wer kann klar sehen, auf was sie abzielen und was kommen wird? Die Tatsache allein, dass sie existieren und heute in vielen von einander unabhängigen Punkten entstehen und von innerlicher Wahrheit sind, lässt es uns zur Gewissheit werden, dass sie die ersten Zeichen der kommenden neuen Epoche sind, Feuerzeichen von Wegsuchenden.
Die Stunde ist selten - ist es zu kühn, auf die seltenen Zeichen der Zeit aufmerksam zu machen?
Quelle: Franz Marc Schriften: Aus den Jugendjahren. Zur Kunsttheorie. Im kunstpolitischen Tageskampf. Zu "Blauer Reiter". Aus der Kriegszeit

Dienstag, 30. Dezember 2014

Der echte Hypothetiker (Novalis)

Der echte Hypothetiker ist kein andrer, als der Erfinder, dem vor seiner Erfindung oft schon dunkel das entdeckte Land vor Augen schwebt - der mit dem dunklen Bilde über die Beobachtung, dem Versuch schwebt - und nur durch freie Vergleichung - durch mannichfache Berührung und Reibung seiner Ideen mit der Erfahrung, endlich die Idee trifft, die sich negativ zur positiven Erfahrung verhält, dass beide dann auch immer zusammenhängen - und ein neues himmlisches Licht die zu Welt kommende Kraft umstrahle. 
Quelle: Die Christenheit oder Europa und andere philosophische Schriften 

Montag, 29. Dezember 2014

Die Rechtfertigung einer Universität (Alfred North Whitehead)

Die Rechtfertigung für eine Universität besteht darin, dass sie die Verbindung zwischen Wissen und dem Lebenshunger bewahrt, indem sie Jung und Alt in der phantasievollen Betrachtung der Gelehrsamkeit vereint. Die Universität vermittelt Informationen, aber sie vermittelt sie phantasievoll. Zumindest ist dies die Funktion, die sie für die Gesellschaft erfüllen sollte. Eine Universität, die in dieser Hinsicht versagt, hat keine Existenzberechtigung. Diese Atmosphäre der Aufregung, die aus phantasievoller Betrachtung entsteht, verwandelt Wissen. Eine Tatsache ist nicht länger eine nackte Tatsache: Sie ist ausgestattet mit all ihren Möglichkeiten. Sie belastet nicht länger unser Gedächtnis: Sie erfüllt uns mit Energie als Dichter unserer Träume und als Architekt unserer Zwecke. 
Quelle: Alfred North Whitehead: Die Ziele von Erziehung und Bildung

Sonntag, 28. Dezember 2014

Wo echter Hang zum Nachdenken vorherrschend ist (Novalis)

Wo echter Hang zum Nachdenken, nicht bloß zum Denken dieses oder jenes Gedankens, herrschend ist, da ist auch Progressivität. Sehr viele Gelehrte besitzen diesen Hang nicht. Sie haben schließen und folgern gelernt, wie ein Schuster das Schuhmachen, ohne je auf einen Einfall zu geraten, oder sich zu bemühen, den Grund der Gedanken zu finden. Dennoch liegt das Heil auf keinem andern Wege. Bei vielen währt dieser Hang nur eine Zeitlang. Er wächst und nimmt ab, sehr oft mit den Jahren, oft mit dem Fund eines Systems, das sie nur suchten, um der Mühe des Nachdenkens ferner überhoben zu sein.
Quelle: Die Christenheit oder Europa und andere philosophische Schriften

Mittwoch, 24. Dezember 2014

Stille Nacht der Bindekraft (Karl Otto Hondrich)

Von Ralf Keuper

Von Karl Otto Hondrichs Essay Stille Nacht der Bindekraft geht, für mich jedenfalls, nach wie vor eine hohe Anziehungskraft aus. 

Allen Leserinnen und Lesern ein frohes Weihnachtsfest!

Dienstag, 23. Dezember 2014

Ludwig Windthorst - "der genialste Parlamentarier, den Deutschland je besaß"

Von Ralf Keuper

Er wurde von Golo Mann als der genialste Parlamentarier bezeichnet, den Deutschland je besaß; andere nannten ihn das "Parlamentarische Wunder" - Ludwig Windthorst

Als überzeugter Katholik, führender Kopf und Redner der Zentrumspartei im Deutschen Reichstag, härtester Widersacher Bismarcks, vertrat Windthorst nicht nur für seine Zeit im besten Sinne liberale Grundsätze. Zwar war für ihn die Religion ein wichtiger Bestandteil des gesellschaftlichen und politischen Lebens, jedoch ging diese Zuneigung nicht so weit, dafür die Trennung von Kirche und Staat aufzugeben. Stets trat er für die Rechte von Minderheiten und anderer Religionen ein, wie in einer Rede im Reichstag im Jahr 1880:
Ich werde das Recht, welches ich für die Katholiken und für die katholische Kirche und deren Diener in Anspruch nehme, jederzeit vertreten auch für die Protestanten und nicht minder für die Juden. Ich will eben das Recht für alle.
Besonders eindrücklich schildert Volker Ullrich die Lebensgeschichte des großen Parlamentariers in dem Beitrag Die Kleine Exzellenz. Für nicht minder gelungen halte ich die Rede des damaligen und jetzigen Bundestagspräsidenten, Norbert Lammert, anlässlich des 200. Geburtstages von Windthorst aus dem Jahr 2012 in Osnabrück

Die folgenden Passagen verdienen m.E. besondere Beachtung:
Meine Damen und Herren, Ludwig Windthorst war, so klein von Gestalt er auch gewesen ist, ein großer Taktiker und gewiefter politischer Stratege. Er hat mit einem unbändigen Elan und der bereits hervorgehobenen souveränen Sturheit die Wahrung von Menschenrechten, insbesondere von Minderheitenrechten, um welche Minderheiten auch immer es sich handelte, gegen preußische Machtansprüche verteidigt, ganz besonders, aber keineswegs ausschließlich die Religionsfreiheit der Katholiken während des sogenannten Kulturkampfes. Er war als Repräsentant der Zentrumspartei zugleich die eindrucksvollste Verkörperung der Eigenständigkeit der Politik auch und gerade gegen kirchliche Bevormundungsversuche. ...
Dass Ludwig Windthorst nebenbei nicht nur ein besonders fleißiger, sondern ein mehr als rekordverdächtiger Parlamentarier war, wird in der geradezu unglaublichen Zahl deutlich, dass er in deutschen Parlamenten über 2.200 mal das Wort ergriffen haben soll. Ich habe jetzt nicht mehr die Zeit gehabt nachzuprüfen, ob er – was sicher verdient wäre – damit im Guinness-Buch der Rekorde verzeichnet ist, jedenfalls kann ich mir kaum vorstellen, dass es in der deutschen Parlamentsgeschichte, aber möglicherweise auch anderswo, irgendjemanden gegeben hat, der an diese Zahl heranreichte oder sie gar überböte. ...
Ludwig Windthorst war der Debattenredner, der durch kurze präzise Reden und noch präzisere Zwischenrufe die Aufmerksamkeit des Plenums und der Öffentlichkeit erreichte. Und auch, wenn historisch verbürgt ist, dass es einen relativ banalen praktischen Grund dafür gab, will ich eine zweite damit verbundene Eigenschaft ausdrücklich als beachtlich und vorbildlich hervorheben, nämlich die, dass er grundsätzlich nicht vom Rednerpult, sondern von seinem Platz aus gesprochen hat. Der praktische Grund war sehr einfach. Er hatte die Sorge, dass ihn hinter dem Rednerpult niemand mehr sehen könnte und zog es deswegen vor, vom Platz aus zu reden. Bedauerlicherweise haben die meisten heutigen Parlamentarier diese Sorge nicht und laufen mit Fleiß zum Podium und müssen – jedenfalls nach meiner Erfahrung – spätestens auf der Strecke von ihrem Platz zum Pult von dem missionarischen Eifer erwischt werden, nun eine bedeutende Rede halten zu müssen. Darunter leidet der deutsche Parlamentarismus bis heute in einem erheblichen Umfang. Denn in Parlamenten sollen nicht möglichst oft bedeutende Reden gehalten werden, es soll debattiert werden. Und deswegen würde mir eigentlich eine Debattenkultur, wo es kurze präzise Diskussionsbeiträge vom Platz aus gibt, wesentlich besser gefallen, als die Art, wie wir das nun seit vielen Jahrzehnten praktizieren
Auch heute, vielleicht gerade heute wieder, würde Windthorst trotz seiner kleinen Gestalt aus der Menge der Abgeordneten herausragen. 

Weitere Informationen:


Montag, 22. Dezember 2014

Über Kleidungs- und Denkstile

Von Ralf Keuper

Der Vergleich erscheint weit hergeholt: Besteht ein Zusammenhang zwischen dem Kleidungsstil und dem Denkstil, d.h. überträgt sich die Art der Kleidung auf das Denken oder umgekehrt?

Kann also derjenige, der die elegantesten Kleider trägt, auch auf die schönsten Gedankengänge verweisen?

Schön wär's - manchmal. 

Die Zahl der Philosophen und Denker, die so gut wie gar nicht auf ihr äußeres Erscheinungsbild achteten, dürfte die mit einem ausgeprägten Sinn für Garderobe deutlich übersteigen.

Legendär sind Diogenes und Plotin, die jeglichem Luxus ablehnten. Aber auch die Stoiker legten auf äußeren Prunk keinen Wert. Anders verhielt es sich bei den Epikureern.
Allerdings müssen Kleidungs- und Denkstil kein unversöhnlicher Widerspruch sein. Jedenfalls legt ein Interview aus dem Jahr 2008 diesen Gedanken nahe. Darin erläuterte der Modedesigner Jeremy Hackett das Wesen des englischen Stils. 

Auf die Frage, was einen Gentleman ausmache, gab Hackett zur Antwort:
Ich mag die klassische, schlichte Art, mit der sich Gentlemen kleiden. Sie interessieren sich für Mode, aber sie beschäftigen sich nicht übermäßig damit. Es gibt diese Anekdote, wonach einer unserer Premierminister, ich erinnere leider nicht mehr, welcher es war, einmal an einem Parlamentsmitglied im St. Jame's Palace vorbeilief, ihn taxierte und zu seinem Assistenten sagte: "Das ist kein Gentleman. Dafür ist er zu gut angezogen."
Woran man erkenne, wenn jemand zu gut angezogen für einen Gentleman sei, gab Hackett zu Protokoll:
Wenn ein Mann zu viele neue Sachen auf einmal trägt. Es kommt auf den Mix an. Wer ein neues Jackett hat, der sollte es nicht mit einem neuen Hemd, einer neuen Krawatte und neuen Schuhen tragen. Es geht darum, neue Stücke in die Garderobe zu integrieren. Das ist auch eine Frage der Haltung: Man zieht Kleidung nicht einfach nur an, man muss sie ausfüllen. Und Männer fühlen sich einfach wohl in Dingen, die sie schon länger haben, oder? Wenn ich ausschließlich neue Sachen trage, dann fühle ich mich nicht angezogen, sondern verkleidet. Die Hose, die ich heute trage, ist zum Beispiel zehn Jahre alt, und mein Sakko so ungefähr fünf, ich trage heute überhaupt nichts Neues.
So könnte man es auch mit den verschiedenen Denkmoden halten.  Was sich bewährt hat, wird weiter getragen, was neu ist, wird - vorübergehend - in die Garderobe aufgenommen, wo das neue Denkkleid, die neue Denktracht die Chance auf einen Stammplatz bekommt. Neue Gedanken sollten einen demzufolge anziehen, und nicht verkleiden - auf dass es nicht wie bei Andersen heisst: Der Kaiser ist nackt!

Besonders schön hat Thomas Steinfeld ("Spätsommer der Lässigkeit" in der SZ vom 10. 07.2014) vor einiger Zeit den Stil beschrieben, den Giorgio Armani in die (Männer-)Mode einführt hat:
Giorgio Armani entwirft Kleider, die Falten bekommen, ohne zu welken.
Denkfiguren, die Falten bekommen, ohne zu welken.

Auch was die Frage der altersgerechten Kleidung gibt Hackett folgenden Rat: 
Man sollte sich immer seinem Alter entsprechend kleiden. Damit meine ich nicht, dass man alt aussehen soll. Aber man sollte nicht versuchen einer Generation nachzueifern, zu der man keine Verbindung hat. Manchmal sehe ich Männer, die in extrem schmalen Anzügen vor mir herlaufen, und dann drehen sie sich um, haben faltige Gesichter, kaum Haare und stellen sich als eindeutig zu alt für solche Kleidung heraus. Das wirkt einfach nur traurig.
Was würde das für den Denkstil bedeuten? Was ist altersgemäßes Denken? Konservativ? Gesetzt? Was wäre das Denken einer Generation, zu der man keinen direkten Bezug hat? Jugendlich, Frisch, Spontan?

Das wäre zu schwarz-weiß gedacht. Was für den Kleidungsstil gilt, muss daher nicht immer für den Denkstil zutreffen. Alten Denkern lassen sich häufig erstaunlich frische Gedanken entnehmen, aktuell angesagte überraschen dagegen nicht selten mit rückwärtsgewandten Sichtweisen. 

Der englische Stil hat daher einiges zu bieten - nicht nur für die Mode. 

Weitere Informationen:

Wie sich große Denker kleiden

Sonntag, 21. Dezember 2014

Von der Nützlichkeit nutzlosen Wissens - "Stay foolish" (Abraham Flexner)

Von Ralf Keuper

In unserer Zeit, die in der möglichst raschen Anwendung theoretischen Wissens das höchste Ideal zu erblicken scheint, fallen Gedanken, wie sie Abraham Flexner vor über 70 Jahren in seinem Beitrag The Usefulness of Useless Knowledge veröffentlichte, womöglich unter den Verdacht der Ketzerei. 

Anhand zahlreicher Beispiele herausragender Wissenschaftler wie Newton, Einstein, Hertz und Maxwell zeigt Flexner, dass diese Personen ihre Entdeckungen machten, nur machen konnten, weil sie bei ihren Forschungen keinen Gedanken an deren "Nützlichkeit" verschwendeten. Jedenfalls war es nicht der vorherrschende Gedanke.

Flexner zitiert seine Antwort auf die Äußerungen des Gründers von Eastman Kodak, George Eastman, während eines gemeinsamen Gesprächs, in dem Eastman sich von der raschen Verwertbarkeit theoretischer Forschungen überzeugt gab und auf die Frage, wer für ihn der wirkungsvollste Wissenschaftler aller Zeiten gewesen sei, mit Guglielmo Marconi antwortete. Stattdessen, so erwiderte Flexner, seien es kauzige, eigensinnige Forscher wie Hertz und Maxwell gewesen, die Marconis wirtschaftlichen Erfolg erst ermöglicht hätten: 
Institutions of learning should be devoted to the cultivation of curiosity and the less they are deflected by considerations of immediacy of application, the more likely they are to contribute not only to human welfare but to the equally important satisfaction of intellectual interest which may indeed be said to have become the ruling passion of intellectual life in modern times.
Einige Seiten später fügt er noch hinzu:
An institution which sets free successive generations of human souls is amply justified whether or not this graduate or that makes a so-called useful contribution to human knowledge. A poem, a symphony, a painting, a mathematical truth, a new scientific fact, all bear in themselves all the justification that universities, colleges, and institutes of research need or require.
Interessant auch die Anekdote, die in dem Beitrag von dem berühmten Anatomen Wilhelm von Waldeyer und dessen damaligen Studenten Paul Ehrlich überliefert wird. Ehrlich fiel seinem Lehrer und Förderer durch seinen großen Fleiß auf. Bis spät in die Nacht pflegte Ehrlich noch im Labor zu arbeiten. Irgendwann wurde Waldeyer der Eifer seines Studenten suspekt und so ging er auf Ehrlich zu und fragte ihn, woran er da die ganze Zeit arbeite. In seinen Memoiren hat Waldeyer diese Episode festgehalten:
I noticed quite early that Ehrlich would work long hours at his desk, completely absorbed in microscopic observation. Moreover, his desk gradually became covered with colored spots of every description. As I saw him sitting at work one day, I went up to him and asked what he was doing with all his rainbow array of colors on his table. Thereupon this young student in his first semester supposedly pursuing the regular course in anatomy looked up at me and blandly remarked, "Ich probiere:" This might be freely translated, "I am trying" or "I amjustfooling."

I replied to him, "Very well. Go on with your fooling." Soon I saw that without any teaching or direction whatsoever on my part I possessed in Ehrlich a student of unusual quality.
Das erinnert ein wenig an Steve Jobs' berühmte Rede: Stay foolish

Einstein sprach einmal von der heiligen Neugier des Forschens:
Es ist eigentlich wie ein Wunder, dass der moderne Lehrbetrieb die heilige Neugier des Forschens noch nicht ganz erdrosselt hat; denn dieses delikate Pflänzchen bedarf neben Anregung hauptsächlich der Freiheit; ohne diese geht es unweigerlich zugrunde. Es ist ein großer Irrtum, dass Freude am Schauen und Suchen durch Zwang und Pflichtgefühl gefördert werden könne (Quelle: Autobiographisches, In: Albert Einstein als Philosoph und Naturforscher, hrsg. von Paul Arthur Schilpp) 

Donnerstag, 18. Dezember 2014

Eine Lehrstunde in Demokratie aus dem Jahr 1967

Von Ralf Keuper

Im Jahr 1967 fand in der Universität Hamburg eine Podiumsdiskussion unter dem Titel Radikalismus in der Demokratiedie vom NDR übertragen wurde, statt. Zu jener Zeit sorgte die NPD für einige Unruhe, da man die Befürchtung hatte, dass durch ihren möglichen Einzug in den nächsten Bundestag, nationalsozialistisches Gedankengut, wenn auch unter dem Deckmantel der parlamentarischen Demokratie, wieder salonfähig würde.

An der Diskussion, die von Fritz Bauer moderiert wurde, nahmen der Verleger und Gründer der ZEIT, Gerd Bucerius, der später in Großbritannien zum Lord geadelte Sozialphilosoph und FDP-Politiker Ralf Dahrendorf, der damalige Chef der NPD, Adolf von Thadden (der pikanterweise im Jahr 2008 posthum als Informant des englischen Geheimdienstes MI6 geoutet wurde), der DDR-Schriftsteller Friedrich Karl Kaul und der dem konservativen Parteieinspektrum nahe stehende Schriftsteller Rudolf Krämer-Badoni teil.

Die Diskussion kann nur vor dem Hintergrund der damaligen Zeit richtig verstanden bzw. gewürdigt werden. Es wäre vermessen, direkte Parallelen zur heutigen Zeit und zum aktuellen Parteiensystem zu ziehen. Dennoch lässt sich aus der Diskussion auch heute noch einiges lernen. Die Diskutanten begegneten sich mit Respekt, ohne dass die Kluft zwischen ihren Ansichten sowie gewisse Antipathien davon verdeckt worden wären. Selbst der Vertreter der NPD war zu jener Zeit in der Lage, mehrere zusammenhängende Sätze zu formulieren, wie er sich in der Diskussion überhaupt sehr redegewandt zeigte und als in der Wolle gefärbter Demokrat präsentierte.

Am meisten beeindruckt hat mich Ralf Dahrendorf. Seine Art die Dinge ohne großes Pathos auf den Punkt zu bringen, seine nüchterne Analyse der Situation, die gleichwohl von Witz begleitet war, lässt es im Nachhinein nur folgerichtig erscheinen, dass er Jahre später in Großbritannien zum Lord geadelt wurde. Aber auch Fritz Bauer und Gerd Bucerius hinterlassen einen tiefen Eindruck. Wenn man sich überlegt, dass Bucerius und Gräfin Dönhoff in etwa zur selben Zeit die Geschicke der ZEIT gelenkt haben, dann fällt es mit Blick auf die heutige ZEIT schwer zu akzeptieren, dass es sich dabei um ein und dieselbe Zeitung handelt.

Dienstag, 16. Dezember 2014

Einige Anmerkungen zum Kerzenlicht, oder: Lob des Schattens

Von Ralf Keuper

Gerade in der Adventszeit ist das Kerzenlicht für viele von uns die bevorzugte Lichtquelle. In einer ansonsten von grellem Scheinwerferlicht dominierten, sensationslüsternen Zeit, geht vom Kerzenlicht ein gewisser Zauber aus, der auch auf die Sinne wirkt. 
Trotzdem ist es um die Kerzenindustrie, insbesondere den Berufsstand der Wachszieher, nicht allzu gut bestellt, wie u.a. aus dem Beitrag Alte Flamme in der SZ vom 6./7. Dezember 2014 hervorgeht. Darin berichtet Martin Zips von dem Münchener Orignal und letzten Kerzenzieher der Stadt, Bernhard Fürst.

Vor einigen Jahren widmete der Bayerische Rundfunk dem Handwerksbetrieb einen Filmbeitrag.

Licht und Schatten haben schon einige Kunstwissenschaftler wie Tanizaki Jun'ichiro in Lob des Schattens und Ernst Gombricht in Schatten. Ihre Darstellung in der abendländischen Kunst zum Nachdenken inspiriert. 

Besonders schön hat den Gegensatz von Kerzen- und Neonlicht der leider viel zu früh verstorbene John O'Donohue in Anam Cara. Das Buch der keltischen Weisheit beschrieben. 

Der irischeTheologe und Philosoph O´Donohue weist darauf hin, dass der lateinische Begriff für Offenbarung Re-Velatio nicht nur Enthüllung, sondern auch Wieder-Verhüllung bedeute: ein Schleier, der über den Dingen liegt, öffnet sich zeitweise, verbirgt sie dann aber auch wieder. O´Donohue betont, dass die Offenbarung nicht etwa wie ein Neonlicht den ganzen Raum der Wirklichkeit ausleuchtet und sie rational aufklärt, sondern dass diese eher wie das Licht von Kerzen das Geheimnis Gottes erschließt, ohne dabei Schatten und Dunkelheiten vollkommen wegzunehmen. 
Heute trauern einige der Glühbirne nach und befürchten, ihre besondere Atmosphäre gehe durch die LED-Leuchten verloren. Das mag so sein. Im Vergleich zum Kerzenlicht war aber schon die Glühbirne und noch mehr die Neonröhre in gewisser Hinsicht ein Rückschritt. 

Das ist jetzt mitnichten als eine kulturpessimistische Äußerung zu werten. Wir wollen die Zeiten, in denen Menschen über kein elektrisches Licht und nicht einmal über Kerzen verfügten, die waren nämlich zu teuer, im Rückblick nicht verklären und damit quasi in ein positives Licht rücken ;-) Das wäre platte Nostalgie. 

Freuen wir uns trotzdem, dass es noch Kerzen zu kaufen gibt, und noch Menschen da sind, die das Handwerk des Kerzenziehens betreiben.

Wie man das Licht als Gestaltungsmittel verwenden kann, zeigt das Buch Gestaltung mit Licht. Hervorzuheben ist darin der Beitrag Über die Kunst mit Licht zu bauen von Gerhard Auer. Darin schreibt er u.a. :
Licht ist also kein Werkstoff, aber ein Baumedium, ein Mittler, ein Beweger, eine immaterielle Brücke zwischen Wirklichkeit und Wahrnehmung. Überdies ist das Licht ein unerbittliches Geschenk des Himmels. Alles Bauen hat sich ihm zu unterwerfen, hat Tag und Nacht zu beantworten. Die Lichtbaukunst war also folglich lange Zeit passiv, reaktiv bis kontemplativ. Erst mit den noch jungen Instrumenten der künstlichen Beleuchtung ist der Architekt zum Herr über die Lichtexistenz seins Werks geworden - freilich nur über die nächtliche.  ... Licht ist nicht bloß Sehhilfe: Von der Blendung bis an die Grenzen der Finsternis besitzt es ein Repertoire von Suggestivkräften, ein magisches Potential. Auf der letzten Stufe der Lichtbaukunst wo die Emotionen und Imaginationen des Raumgefühls ausgelöst werden, hilft dem Architekten keine Schulweisheit mehr; um so fruchbarer sind Kontakte zu Schwesterkünsten. Tatsächlich lassen sich aus der Malerei, der Skulptur und vor allem der Bühnenkunst Licht- und Farberfahrungen in die Architektur übertragen. 
Erwähnenswert aus dem Buch ist auch der Beitrag Lichtung und Beleuchtung. Anmerkungen zur Metaphysik, Mystik und Politik des Lichts von Peter Sloterdijk, wenngleich der Autor ansonsten nicht zu den von mir bevorzugten zählt. 

Sonntag, 14. Dezember 2014

Alles digital - oder was?

Von Ralf Keuper

Es stimmt schon: Mittlerweile wird der Begriff Digitalisierung für so ziemlich alles verwendet, was man mit der herkömmlichen Terminologie nicht mehr ausreichend genug bezeichnen zu können glaubt. Das beginnt mit den "Digital Natives" über "Digitale Währungen", "Digitale Medien" und "Digitalen Geschäftsmodellen" bis hin zu "Digital Humanities". Die Liste ließe sich noch fortsetzen. 

Der Eindruck entsteht, bei der Digitalisierung handele es sich um ein völlig neues Phänomen ist, das quasi über Nacht vom Himmel viel und uns seitdem nicht mehr zur Ruhe kommen lässt. Dahinter verbirgt sich m.E. eine vorwiegend reduktionistische Sichtweise im Sinne von "Nichts anderes als". Dabei ist es fast schon unerheblich, ob es sich um einen klassischen oder einen "holistischen Reduktionismus" (Tor Norretranders, P.W. Anderson) handelt. 

Viktor E. Frankl sah einen direkten Zusammenhang zwischen Nihilismus und Reduktionismus:
Dem gelehrten Nihilismus, wie er im Reduktionismus zum Ausdruck kommt, steht der gelebte Nihilismus gegenüber, als der sich das existenzielle Vakuum interpretieren ließe. Es handelt sich um das Erlebnis der inneren Leere, um das Gefühl einer abgründigen Sinnlosigkeit .. Dem existenziellen Vakuum arbeitet nun der Reduktionismus mit seiner Tendenz, den Menschen zu reifizieren, zu versachlichen und zu entpersönlichen, in die Hände. (in: Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn)
Dabei haben das Thema, wenngleich nicht unter dem Begriff, bereits die antiken Philosophen wie Demokrit und die Pythagoreer in ihren Schriften behandelt. Die, wenn man so will, analoge Sicht wurde dagegen von Parmenides und Zenon vertreten. Im Grunde also ein altes Thema. 

Die Geburtsstätten der Digitalisierung, wie wir sie heute in erster Linie verstehen, lagen, wie George Dyson in Turings Kathedrale. Die Ursprünge des digitalen Zeitalters schreibt, in Princeton im legendären Institute of Adavanced Study (IAS) und in der University of Pennsylvania. Geburtshelfer waren John von Neumann, der eine äußerst seltene Kombination eines mathematischen Genies und herausragenden Wissenschaftsmanagers war, und die Konstrukteure und eigentlichen Erfinder des ersten Röhrencomputers, ENIAC, J. Presper Eckert und John Mauchly. Noch heute wird über die Frage gestritten, wer der eigentliche "Vater" von ENIAC und seinem Nachfolgemodell EDVAC ist. Unbestritten ist dagegen von Neumanns Urheberschaft im Fall des IAS-Computers, dem ersten elektronischen Computer. 

In einem Zeitalter, in dem so ziemlich alles messbar gemacht wird, ist es nicht verwunderlich, wenn der Begriff der Digitalisierung inflationär verwendet wird. Zu kurz kommen dabei, wie von Viktor E. Frankl angedeutet, Fragen nach der Existenz, dem Sinn wie überhaupt die Transzendenz, wie Hubert Burda, und einige Zeit vor ihm Hans-Peter Dürr u.a.nicht zu Unrecht in seinem Beitrag Wie Medien sich ändern einwirft. 

Als natürlicher Gegenpart der digitalen Weltsicht gilt die analoge Welterfahrung. Schon erscheinen die ersten Bücher, die der digitalen die analoge Revolution entgegen halten, oder besser: zur Seite stellen, wie Die analoge Revolution. Wenn Technik lebendig wird und die Natur mit dem Internet verschmilzt von Christian Schwägerl. Laut Klappentext geht es bei der "analogen Revolution" darum, "die Macht über Daten demokratisch zu verteilen und Menschen mit der ganzen Fülle des Lebens auf der Erde zu verbinden".

Auf einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung äußerte sich der Autor näher zu den von ihm in seinem Buch vertretenen Thesen. 


Dienstag, 9. Dezember 2014

Die Mär vom deutschen Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit

Von Ralf Keuper

Da dachte ich noch, weitgehend frei von Illusionen, die jüngere deutsche Wirtschaftsgeschichte betreffend, zu sein und sich auf ein halbwegs fundiertes Wissen stützen zu können, und dann das: In der Sendung Geschichte im Ersten: Unser Wirtschaftswunder - Die wahre Geschichte, die bereits im vergangenen Jahr ausgestrahlt wurde, zerlegt der Autor Christoph Weber den Mythos vom deutschen Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit.


Entgegen der noch heute, und bei mir bisher, weit verbreiteten Annahme, war Deutschland keinesfalls so zerstört, wie die Wochenschauen der damaligen Zeit suggeriert haben. Die Produktionskapazitäten waren sogar sehr groß, alleine schon wegen der enormen Aufrüstung der vorangegangenen Jahre. Die Alliierten waren, wie der ehemalige Leiter der CIA Berlin, Peter Sichel, in dem Film äußert, ob des äußeren "Erfolges" ihrer Bombardements mit dem Resultat keinesfalls zufrieden. Die deutsche Kriegswirtschaft konnte nur vorübergehend geschwächt werden.

Selbst die heilige Kuh, der Mythos vom Wirtschaftswunder, die Währungsreform, geschah nach dem Diktat und den Vorstellungen der Amerikaner. Ludwig Erhard, der häufig als der Vater der D-Mark gefeiert wird, hat an den entscheidenden Sitzungen nicht einmal teilgenommen. Allerdings hat er die Währungsreform geschickt als sein Werk in den Medien inszeniert. Selber hatte er nur eine Statistenrolle. Auch der legendäre Marshall-Plan war mehr geschickte Propaganda, als wirkliche wirtschaftliche Hilfe.

Deutschland profitierte in den Jahren unmittelbar nach dem Krieg von einem, wie es der renommierte Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser in dem Beitrag formuliert, "Brain drain", der sich von Ostdeutschland nach Westdeutschland, nicht selten mit Unterstützung von Schleusern, erstreckte. Auf diese Weise kamen hoch qualifizierte Ingenieure und Fachkräfte nach Westdeutschland, die u.a. beim Aufbau der Audi AG in Ingolstadt wertvolle Dienste leisteten.
Das deutsche Exportwunder begann mit dem Ausbruch des Korea-Krieges im Jahr 1950. Da Deutschland noch über genügend freie Kapazitäten verfügte, konnten von hier die nötigen Geräte und (Werkzeug-)Maschinen, gleichwohl keine Kriegsgeräte, geliefert werden.

Als ein Hindernis stellte sich während des Krieges die hohe Qualität der Kriegsgeräte heraus, die, wie im Fall eines Flugzeugs, für mehrere hundert oder tausende Flugstunden konstruiert wurden, in der Praxis jedoch nur wenige Stunden den Kampfeinsatz überstanden. Mit der Zeit wurde das Qualitätsniveau den Realitäten angepasst. Gegen Ende des Krieges war es mit der viel zitierten Qualität deutscher Produkte daher nicht allzu weit her. Dieser Befund gilt auch für den legendären VW Käfer, der, was die Qualität anging, bestenfalls Mittelmaß und gerade gut genug für den Massenmarkt war. Heinrich Nordhoff, der erste Chef von VW nach dem 2. Weltkrieg, auch hier wurde ich um eine Illusion ärmer, gehörte während des Krieges zum sog. "Speers Kindergarten", dem Rüstungsminister und Lieblingsarchitekten Adolf Hitlers, Albert Speer. Aus dieser Zeit hat Nordhoff wohl einige Praktiken der Führung und Selbstdarstellung übernommen. 

Aufgrund der Tatsache, dass nach dem Krieg mehr als drei Millionen Ingenieure und Facharbeiter durch den Niedergang der Rüstungsindustrie dem Arbeitsmarkt zur Verfügung standen, konnten die Arbeitgeber moderate Löhne durchsetzen. Machtbewusste Manager stießen, wie es in dem Film heisst, auf untertänige Mitarbeiter. 
Wegen des großen Nachholbedarfs und des Verkäufermarktes brauchte es eigentlich, wie Werner Abelshauser es ausdrückt, keines Unternehmers. Das Geschäft war schon eher ein Selbstläufer. Als der Wind sich drehte, waren viele gefeierte Unternehmer des Wirtschaftswunders mit ihrem Latein recht schnell am Ende. 

Keine gute Figur machte Ludwig Erhard im Zuge des Rückgabeverfahrens der Rosenthal-Porzellan-Manufaktur. So versuchte er die vollständige Rückgabe an die von den Nazis enteignete Familie Rosenthal, vertreten durch Philipp Rosenthal, zu verhindern. Wie Dokumente belegen, bezog Erhard zu dem Zeitpunkt 12.000 DM Beraterhonorar der Rosenthal AG, die er sich wohl nicht entgehen lassen wollte. 

Der eigentliche Befreiungsschlag für die deutsche Wirtschaft nach dem Weltkrieg, ohne den es nicht einmal ein im Nachhinein konstruiertes Wirtschaftswunder gegeben hätte, war das Londoner Schuldenabkommen. Darin einigten sich die an den Verhandlungen beteiligten Länder auf den weitgehenden Verzicht ausstehender Kreditzahlungen und von Reparationszahlungen. Ohne diesen Kompromiss wäre Deutschland wohl kaum wieder auf die Beine gekommen, jedenfalls nicht so schnell. Das Einlenken geschah weniger aus Nächstenliebe, sondern aus politischem Kalkül. Vor allem die Amerikaner wollten verhindern, dass der Westen Europas als wirtschaftlich rückständiges Gebiet, mit Deutschland in der Mitte, den Verlockungen des Kommunismus erlag. 
Auch das Verhandlungsgeschick eines Hermann-Josef Abs hätte nichts an dem Verhandlungsergebnis ändern können, hätten die Länder auf der Rückzahlung ihrer Kredite sowie auf Reparationszahlungen bestanden und hätte das Szenario einer Annäherung an den Ostblock nicht existiert. 

Ein Punkt, der in Deutschland in letzter Zeit gerne übersehen wird, um es zurückhaltend zu formulieren. 



Montag, 8. Dezember 2014

Rudolf Eucken über die aristotelische Denkart

Wo immer die aristotelische Denkart Einfluss gewann, hat sie zur logischen Schulung, zur Bildung großer Zusammenhänge, zur Sicherung eines festen Grundstocks der Arbeit, zur Austreibung von Willkür und Subjektivismus gewirkt. Auf ihrem erziehenden und befestigenden Wirken ruht auch die moderne Kultur und Wissenschaft.
Unleugbar wurde solcher Gewinn oft teuer erkauft. In Zeiten minderer geistiger Spannung konnte das Gewicht und die Geschlossenheit des aristotelischen Systems das eigene Denken erdrücken, seine festgewurzelte Autorität duldetet nichts Neues, das engverschlungene Netz seiner Begriffe ließ nicht leicht wieder los, die sich darin verfangen hatten. Das aber ist weniger die Schuld des Meisters als die der Schüler, die ihm keine Selbständigkeit entgegenbrachten. 
Quelle: Rudolf Eucken - Die Lebensanschauungen der großen Denker 

"Die Lehren der Philosophie" - Interview mit Michael Hampe

Vor einigen Tagen erklärte der Philosoph Michael Hampe in einem Interview mit der Zeitung Der Tagesspiegel nicht nur, aber auch, die Kunst des freien Denkens. Lesenswert.

Vor einigen Monaten erschien sein Buch Die Lehren der Philosophie - Eine Kritik

Im Jahr 2009 führte das Schweizer Fernsehen in der Sendung Sternstunde Philosophie ein Gespräch mit Michael Hampe zum Thema: Das Glück hat viele Stimmen - Philosophie als Therapie

Sonntag, 7. Dezember 2014

Der Grad der Bildung (Leonard Nelson)

Der Grad der Bildung hängt aber nicht ohne weiteres von der Fülle des Stoffes ab; die Bildung ist zwar um so vollkommener, je größer die Empfänglichkeit und Aufnahmefähigkeit des Menschen ist, aber sie wird mit dem Reichtum des Stoffes nur in dem Maße wachsen, als dieser Gestalt erhält, d.h. vom Vernünftigen durchdrungen wird. Eine zufällige Ansammlung von Kenntnissen ist daher nicht das, was das Ideal der Wahrheitsliebe verlangt, dieses Ideal kann vielmehr nur durch selbsttätige Aneignung und Verarbeitung des Wissensstoffes verwirklicht werden; denn nur sie bedeutet eine Steigerung der Bildung. Wahrheitsliebe strebt nämlich überall nicht nach dem bloßen Wissen, sondern nach der Erkenntnis der Einheit und des Zusammenhangs der Tatsachen. 
Quelle: Leonard Nelson: Ausgewählte Schriften. Hrsg. von Heinz-J. Heydorn 

Sonntag, 30. November 2014

Die (unterschätzte) Kraft/Macht der Symbole

Von Ralf Keuper

Unter einem Symbol wird gemeinhin eine Form der geistigen Abbildung der Welt verstanden. Ohne Symbole wäre das Zusammenleben der Menschen kaum möglich. Die Kraft bzw. Macht der Symbole sollte daher nicht unterschätzt werden, weder was ihre positiven noch was ihre negativen Auswirkungen betrifft. Totalitäre Systeme oder Herrscher wussten und wissen z.T. noch immer die Kraft der Symbole geschickt für ihre Zwecke einzusetzen. In den Religionen haben Symbole seit jeher einen hohen Stellenwert. 

Ernst Cassirer vertrat daher nicht zu Unrecht die Ansicht, dass der Mensch vor allem ein symbolschaffendes Lebewesen sei. Sein Hauptwerk trägt nicht umsonst den Titel Philosophie der symbolischen Formen

In der Kunst sorgte der Symbolismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts für Aufsehen. 

Symbole begleiten uns täglich, wie zum Beispiel in Form von Piktogrammen, die sich in den sozialen Netzwerken großer Beliebtheit erfreuen. Wahre Meister auf dem Gebiet der Piktogramme waren Otto Neurath, Gerd Arntz und Otl Aicher

Pierre Bourdieu prägte den Begriff Symbolisches Kapital

Neueste Forschungen gehen davon aus, dass bereits die Steinzeitmenschen die ersten symbolischen Nachrichten hinterlassen haben, wie es in dem lesenswerten Beitrag Entwicklung der Schrift heisst. 

Aber auch der Computer betreibt in gewisser Weise nichts anderes als  die Verarbeitung von Symbolen
In seinem Buch Machtbeben sprach der Zukunftsforscher Alvin Toffler u.a. von dem Aufkommen der Supersymoblwirtschaft. Kennzeichnend für diese Wirtschaftsform sei, so Toffler, nicht mehr der Besitz von Wissen, sondern von das Wissen vom Wissen. Als Folge daraus werde ein neues Wertschöpfungssystem entstehen:
Dieses neue Wertschöpfungssystem ist voll und ganz auf die sofortige Verarbeitung von Daten, Ideen, Symbolen und Symbolismen angewiesen. Eine Supersymbolwirtschaft im wahrsten Sinne des Wortes. (ebd.)
Mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen im Bereich "Big Data", Cognitive Computing und Semantisches Internet ist das gar nicht mal so weit hergeholt. 

Samstag, 29. November 2014

Hat die Geschichte eine DNA?

Von Ralf Keuper

Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis die Genetik auch in der Geschichtswissenschaft Einzug hält. Seinen aktuellen Ausdruck findet diese Strömung in der Umbenennung des Jenaer Max-Planck-Instituts für Ökonomik in das für "Geschichte und Naturwissenschaften."

Jörg Feuchter wertet das in Die DNA der Geschichte als einen begrüßenswerten und überfälligen Schritt. In seinem Artikel liefert Feuchter eine Fülle von Beispielen, die zeigen, dass die Genetik der Geschichtswissenschaft neue Impulse geben kann. Einige bisher als sicher geglaubte Tatsachen konnten widerlegt oder modifiziert werden. 

Wie wohl nicht anders zu erwarten stösst die Verbreitung der "Leitwissenschaft" Genetik in Fachkreisen nicht nur auf ungeteilten Zuspruch, wie bei Jan Keupp, der seine punktuelle Kritik in seinem Blog-Beitrag Kein Wunder nirgendwo – die genetische Herausforderung der Geschichte zusammenfasst. Darin schreibt er u.a.:
Der Fehler liegt zumeist auf Seiten jener Historiker, die den methodischen Grundlagen des eigenen Faches nicht mehr vertrauen und unüberlegt der vermeintlichen Faktizität naturwissenschaftlicher Evidenzen huldigen
Wie Wolfgang Ullrich in Des Geistes Gegenwart darlegt, werden selbst vermeintlich objektive Forschungsergebnisse mit einer Bedeutung aufgeladen, die weniger den Tatsachen oder Daten, sondern eher der Interpretation der Forscher entstammen. Letztlich ist auch die Genetik nichts anderes als eine weitere Repräsentationstechnik. Irgendwie wäre das die Rückkehr der Hegelschen und Spenglerschen Geschichtsphilosophie im neuen Gewand. 

Überhaupt sei an dieser Stelle an die diversen Veröffentlichungen des Chemikers und (ungewollten) Wegbereiters der Genetik, Erwin Chargaff, erinnert, wie auf das Fernseh-Interview Sünden und Tricks der Genklempner:


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"Des Geistes Gegenwart. Eine Wissenschaftspoetik" von Wolfgang Ullrich

Von Ralf Keuper

Bücher wie dieses, kommen viel zu selten vor. In Des Geistes Gegenwart. Eine Wissenschaftspoetik befreit Wolfgang Ullrich die Wissenschaftstheorie von dem engen Korsett der widerspruchsfreien Logik. 
Als Kunstwissenschaftler und Medientheoretiker ist Ullrich für dieses Vorhaben geradezu prädestiniert. 
Seine eigene Haltung bezeichnet Ullrich als die eines Opportunisten, der nicht an letztgültige Beweise und ins Absolute verklärte Bedeutungen glaubt. Dafür ist ihre Herkunft zu sehr von menschlichen Interessen und Eitelkeiten bestimmt. 
Der Opportunist im Ullrichschen Sinne hütet sicher daher vor einseitigen Positionen:
Opportunisten wie ich hegen starke Sympathie für Pendants. Sie sind für mich eine Form, die vor Einseitigkeit schützt und das Denken abwechslungsreich hält, aber auch bewusst machen kann, wie Urteile sich jeweils einem Arrangement verdanken und daher nie etwas Endgültiges sind. Statt in der beurteilten Sache selbst zu liegen, sind Erkenntnisse und Bedeutungen vielmehr durch das Setting bedingt, in das die Sache jeweils gebracht wird. Insofern sind Pendants Instrumente gegen essentialistische Neigungen; sie verhindern, etwas fest als etwas auszugeben. Un wer der Idee des Pendants konsequent folgt, wird das In-der-Schwebe-Halten sogar zelebrieren, die Pendelbewegung zu keinem Abschluss kommen lassen und sich jeder endgültigen Aussage enthalten.
Es wäre voreilig, in dieser Haltung ein Plädoyer für Beliebigkeit oder Anything Goes erkennen zu wollen. Eher entspricht sie einem Denkstil, der flexibel genug ist, um unterschiedliche Positionen aufzunehmen, ohne sich von einer einzigen oder wenigen dominieren zu lassen. Letztendlich läuft das für mich auf die Verwendung des gesunden Menschenverstands hinaus, der glücklicherweise weitgehend unabhängig vom Bildungsstand und der Herkunft ist. 

Sonntag, 16. November 2014

Vom Einfluss arabischer Gelehrter auf die Renaissance und die europäische Wissenschaft

Von Ralf Keuper

Lange Zeit war die Vorstellung weit verbreitet, dass die Renaissance ihre Inspiration ohne weitere Vermittlung aus den Quellen, d.h. direkt aus den Werken der antiken Philosophen bezogen habe. 
Mittlerweile gilt es als bewiesen, dass ohne die Übersetzungstätigkeit islamischer Gelehrter, wie insbesondere von Averroës, das Wissen der alten Griechen erst viel später seinen Weg nach Europa gefunden hätte. 

Aber nicht nur das: Die arabischen Gelehrten beließen es nicht nur bei der reinen Übertragung in ihre eigene Sprache, sondern führten die Gedanken und Experimente weiter, wobei sie zu neuen Entdeckungen und Theorien gelangten, wie der berühmte Begründer der Optik Alhazen und der Astronom Al Tusi. Die Methode der Empirie ist seither fester Bestandteil der westlichen Wissenschaften. 

Ein Schlüsselstellung bei der Vermittlung des im Westen lange Zeit für verloren gehaltenen Wissens der antiken Denker nahm die spanische Stadt Toledo ein. Im 12. und 13. Jahrhundert war die Stadt die unbestrittene Geistesmetropole Europas. Hier trafen sich christliche, jüdische und arabische Gelehrte zum Gedankenaustausch. Ohne Toledo und seine Übersetzerschule wäre die Wissenschaftsgeschichte Europas anders verlaufen. 

Die Renaissance konnte daher auf einen vergleichsweisen großen und gut erschlossenen Wissensstand aufsetzten. Aber auch dabei waren Vermittler von großer Bedeutung: Wie die Medicis in Florenz. 


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Sonntag, 9. November 2014

Das Zeitalter des Anthropozän bricht an

Die Anzeichen verdichten sich, dass in der Erdgeschichte ein neues Kapitel aufgeschlagen wird: Das Anthropozän - das Menschenzeitalter. 


Die Frage, ob der Mensch zu einer Naturgewalt geworden ist und was daraus folgt, beschäftigt inzwischen Wissenschaftler und Künstler zunehmend. 

Verliert die Natur tatsächlich ihre Sonderstellung, die sie über mehrere Milliarden-Jahre innehatte? 

Zweifel sind angebracht. Sicher ist: Die Erde kann ohne den Menschen, der Mensch (noch) nicht ohne die Erde existieren. 

Aber: Vielleicht weist der neue Film Interstellar ja einen Ausweg ;-) 

Recht unkonventionell behandelt das Thema der Paderborner Poetry Slammer Sulaiman Masomi in seinem Text  bzw. Performance "Die Erde".  

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Sonntag, 2. November 2014

Über die Vervollkommnung der Wissenschaft (Leonard Nelson)

Von Ralf Keuper

Leonard Nelson und seine Philosophie sind in unserer Zeit fast völlig in Vergessenheit geraten. Seine an mathematischer Logik orientierte (Wissenschafts-) Philosophie hat u.a. einen starken Einfluss auf Karl Popper ausgeübt
Aber nicht nur aus diesem Grund lohnt die Beschäftigung mit Leonard Nelson und seiner Philosophie, auf die ich selbst erst kürzlich nur durch Zufall stieß.
Darunter ragen m.E. seine Gedanken zum wissenschaftlichen Fortschritt hervor, wie die folgenden:
Wenn nun die Vervollkommnung der Wissenschaft nur auf dem Wege über mehr oder weniger mangelhafte Begründung gelingt, so ist doch damit nicht gesagt, dass die vorläufigen Darstellungen, die die Wissenschaft zu durchlaufen genötigt ist, in ihren Ergebnissen irrig sein müssten. Denn ein unzulänglich begründetes Ergebnis braucht darum noch nicht falsch zu sein. Es verhält sich vielmehr im allgemeinen so, dass die Entdeckung neuer Wahrheiten der Ausbildung der zu ihrer Begründung erforderlichen Methoden voraneilt. Die Geschichte der Erfahrungswissenschaften und der Mathematik ist reich an Beispielen dafür, wie sich das Genie der großen Forscher gerade darin zeigt, dass die Entdeckungen zu Tage fördern, deren Begründung die methodischen Mittel, über die ihre Zeit verfügt, überhaupt nicht hinreichen. .. Den genialen Forscher leitet ein Wahrheitsgefühl, das ihn weiter und sicherer führt als die schulgerechte Anwendung methodischer Regeln. Mit diesem Wahrheitsgefühl begabt, nimmt er die Ergebnisse vorweg, zu denen sich die nicht mit dieser Gabe Begnadeten oft nur durch die vereinigte methodische Arbeit von Generationen den Weg bahnen (in: Leonard Nelson. Ausgewählte Schriften. Studienausgabe,herausgegeben und eingeleitet von Heinz-J. Heydorn)
Nelson bringt hierfür einige prominente Beispiele:
"Meine Resultate habe ich längst, ich weiß nur noch nicht, wie ich zu ihnen gelangen werde" hat Gauss gesagt. Kepler hätte - nach einer treffenden Bemerkung Poincarés - seine berühmten Gesetze niemals entdecken können, wenn er mit den uns heute zur Verfügung stehenden Beobachtungsmitteln ausgerüstet an seine Aufgabe herangetreten wäre. Die von Kepler benutzten Beobachtungen Tycho de Brahes waren nämlich hinreichend ungenau, um ihn auf Resultate kommen zu lassen, die zwar nicht streng richtig waren, aber gerade darum den Weg zu den größten Fortschritten der Astronomie gebahnt haben. Denn wäre man von Anfang an auf exakte Beobachtungen angewiesen gewesen, so hätte man gleich vor so verwickelten Verhältnissen gestanden, dass diese Fortschritte schwerlich jemals möglich geworden wären (ebd.)
Das erinnert an die Vorgehensweise, die Wissenschaftsphilosophie Albert Einsteins, die dieser selbst einmal als "Hypothetischen Deduktionismus" bezeichnet hat. 
Bei allen Vorzügen, die man der Logik bei der Forschung zubilligen muss, wäre es dennoch von großem Nachteil für die Wissenschaft, wenn sie in ihrer reinsten, strengsten Form zur Anwendung käme:
Man kann aber heute noch viel weiter gehen und behaupten, dass auch die heutige Wissenschaft in ihren methodisch am vollkommensten ausgebauten Teilen der Kritik nicht standhalten könnte, die man an sie anlegen müsste, wenn man den logischen Purismus auf die Spitze treiben und jeden nicht mit absoluter Strenge begründeten Satz in der Wissenschaft für verbotene Ware erklären wollte. Was dies für das Schicksal der Wissenschaft bedeuten würde, kann man daraus ersehen, dass selbst die einfachsten Grundsätze der Arithmetik, auf denen das Einmaleins beruht, dann preisgegeben werden müssten. Denn man muss zugeben, dass die Lehre von den ganzen Zahlen bis zur Stunde der letzten Strenge der Begründung entbehrt (ebd.).
Darin liegt auch die Gefahr philosophischer Systeme:
Im allgemeinen sind es erst die Schüler der großen Philosophen, die, weil ihnen die schöpferische Begabung fehlt und sie daher auf das Gerüst des Systems angewiesen sind, darauf ausgehen, in die Lehre des Meisters eine solche Konsequenz zu bringen, dass darin nichts stehen bleibt, was sich nicht logisch auf die Prinzipien des Systems zurückführen lässt. Dabei ergibt sich dann oft das merkwürdige Verhältnis, dass ein solches, von den Schülern logisch ausgebildetes System eine von der seines Schöpfers völlig verschiedene Weltansicht zur Folge hat (ebd.).
Gedanken von ungebrochener Aktualität. 

Sonntag, 19. Oktober 2014

Ist Vertrauen "skalierbar"?

Von Ralf Keuper

Die Zahl der Veröffentlichungen, die sich mit der gesellschaftlichen Funktion des Vertrauens beschäftigen, ist in letzter Zeit sprunghaft angestiegen. 
Das Thema schafft es sogar auf die Titelblätter, wie bei dem Wirtschaftsmagazin brand eins, das in seiner aktuellen Ausgabe der Frage nach dem Stellenwert des Vertrauens in der Wissensgesellschaft nachgeht. 
Fast alle Bereiche der Gesellschaft und Wirtschaft sind von einem Vertrauensverlust betroffen. Die Banken, die Politik, die Medien, das Geldsystem, die Kirchen, die Wissenschaft, die Internetkonzerne ... 
Wenn ein Thema so sehr die öffentliche Diskussion dominiert, ist das nicht selten ein Hinweis auf tieferliegende Probleme, für die ein Begriff herhalten muss. Damit einher gehen Erwartungen, die weit über das hinausgehen, was dieser Begriff überhaupt zu leisten imstande ist. 

Eine gesunde Skepsis ist daher angebracht. 

Die Historikerin Ute Frevert erkennt in der Beschäftigung mit dem Thema Vertrauen daher auch nicht ganz zu Unrecht eine Obsession der Moderne. Vertrauen, das moralisch überfrachtet wird, kann schnell in Misstrauen umschlagen, das sich dann nur noch schwer ausräumen lässt. Insofern sollte man sparsamen Gebrauch davon machen; gerade in der Politik. Sätze wie: "Minister xy genießt das volle Vertrauen des Regierungschefs" gelten unter Insidern als sicheres Indiz dafür, dass die Tage des betreffenden Ministers in der Regierung gezählt sind. 

Niklas Luhmann interpretierte Vertrauen als einen Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität. 
Wo es Vertrauen gibt, gibt es mehr Möglichkeiten des Erlebens und Handelns, steigt die Komplexität des sozialen Systems, also die Zahl der Möglichkeiten, die es mit seiner Struktur vereinbaren kann, weil im Vertrauen eine wirksame Form der Reduktion von Komplexität zur Verfügung steht (in: Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität).
Auch das technische Zeitalter bleibt, so Luhmann, auf das Vertrauen angewiesen:
Demnach ist es nicht zu erwarten, dass das Fortschreiten der technisch-wissenschaftlichen Zivilisation die Ereignisse unter Kontrolle bringen und Vertrauen als sozialen Mechanismus durch Sachbeherrschung ersetzen und so erübrigen werde. Eher wird man damit rechnen müssen, dass Vertrauen mehr und mehr in Anspruch genommen werden muss, damit technisch erzeugte Komplexität der Zukunft ertragen werden kann (ebd.).
Diese Aussage bildet zunächst einen Kontrast zu den Erwartungen, welche die sog. Bitcoin-Evangelisten mit den digitalen Währungen verbinden. 
In einem Vortrag auf der TED-Konferenz in Edinburgh hob Dug Campbell die Vorzüge des dezentralen Ansatzes von Bitcoin und der unterstützenden Blockchain-Technologie hervor. Dadurch sei es möglich, im Zuge der Finanzkrise verloren gegangenes Vertrauen in das Geld- und Währungssystem zurückzugewinnen. Vertrauen sei (technisch) skalierbar geworden: 
because bitcoin provides mankind with the ability to reach agreement on a massive scale
Menschen, die sich nicht persönlich kennen, haben durch die Blockchain-Technologie, die sämtliche Transaktionen dokumentiert und verifiziert, die Gewissheit, dass alles mit rechten Dingen zugeht. In unserer arbeitsteiligen, komplexen (Wissens-) Gesellschaft scheint es anders als mit den Mitteln der Technologie nicht mehr möglich zu sein, miteinander zu kommunizieren und Geschäfte zu tätigen. 

Kann eine Technologie Vertrauen in der von Campbell beschriebenen Weise - unbegrenzt - skalieren? Bleibt der Gesellschaft keine andere Wahl?

In einem Interview mit dem Bitcoin Magazin vergleicht Amir Taaki, der die Bitcoin-Alternative Libbitcoin ins Leben gerufen hat, Bitcoin mit den ersten Gesetzestexten der Menschheit: 
Moreover, one of the oldest artefacts in the world is the Code of Hammurabi, a Babylonian document dating back to almost 2000BC which deals with contract law. Contract law is the foundation on which civilizations are built. And it is the basis for how we – no, they – have been able to create corporate society. Through contract law, you get access to a set of legal tools in order to incorporate and scale upwards.

With Bitcoin, we now have a new set of tools, that are not based on the law of the state, but based on the laws of mathematics. This enables us to create decentralized law, digital governance, and a wide scope of means for trade and business.
Dennoch sieht Taaki Bitcoin kritisch. Überhaupt erinnere ihn Bitcoin immer mehr an die Kunstsprache Esperanto und ihre uneingelösten Versprechen. Bei aller Begeisterung für Technologien, sei es die Erzählung, die den Ausschlag gebe: 
In fact, the technology by itself is worth nothing. What is important is the narrative, or the ideal that is being constructed through that narrative.
Technologie ist nicht neutral. Damit wären wir dann eigentlich bei Habermas und seiner Theorie des kommunikativen Handelns, kurzum bei der Diskurstheorie angekommen. Wie jedes Weltbild, wie jede kulturelle Überlieferung muss es ein reflexives Verhältnis zu sich selber gestatten:
Kommunikativ handelnde Subjekte verständigen sich stets im Horizont einer Lebenswelt. Ihre Lebenswelt baut sich aus mehr oder weniger diffusen, stets unproblematischen Hintergrundüberzeugungen auf. Dieser lebensweltliche Hintergrund dient als Quelle für Situationsdefinitionen, die von den Beteiligten als unproblematisch vorausgesetzt werden. ... Je weiter das Weltbild, das den kulturellen Wissensvorrat bereitstellt, dezentriert ist, um so weniger ist der Verständigungsbedarf im vorhinein durch die kritikfest interpretierte Lebenswelt gedeckt. (in: Theorie des kommunikativen Handelns) 
Wie lassen sich die verschiedenen Lebenswelten, Weltbilder der Menschen mittels dezentraler Netzwerke annähernd in Deckung bringen? Lässt sich das Problem tatsächlich durch Algorithmen, mit Mathematik lösen, wie es u.a. in dem Konzept des Byzantinischen Fehlers beschrieben wird, oder haben Luhmann und Habermas, hier mal in ungewohnter Eintracht, Recht, wenn sie das Vertrauen von der Kontrolle durch Technologie unterscheiden? Gibt es einen Ausweg aus dem "Digitalen Gestell"? 

Der Beweis, dass sich Vertrauen skalieren lässt, steht jedenfalls noch aus. 

Samstag, 11. Oktober 2014

Einige Anmerkungen zu Rankings

Von Ralf Keuper

In dem Film Der Club der toten Dichter fordert der Englisch-Lehrer John Keating, gespielt von Robin Williams, seine verdutzen Schüler dazu auf, die Seiten über die Bewertung der Lyrik, auf denen der Anglist J. Evans Pritchard wissenschaftliche Kriterien vorgab, um Gedichte und ihre Verfasser in eine Rangfolge zu bringen, aus ihren Büchern herauszureißen. Die betreffende Filmszene ist nach wie vor sehens- und hörenswert. Zur Begründung dafür, weshalb es sich bei der Aktion um keinen Frevel handele und die Schüler daher unbesorgt ob eventueller himmlischer Strafen sein könnten, sagte Keating:
Wir sind keine Klempner, wir haben es hier mit Lyrik zu tun. Man kann doch nicht Gedichte bemessen wie amerikanische Charts. 
Anscheinend ist unser Bedarf an Charts unstillbar. Wie anders ist die Flut von Rankings zu erklären, die fast jeden Tag durch die Meldungen gehen und Bereiche in eine Rangfolge glauben bringen zu müssen, um uns - ganz uneigennützig und auf Basis wissenschaftlicher Kriterien versteht sich - ein wenig Orientierung zu geben. Kaum ein Bereich bleibt von der Vermessung ausgenommen: Städte, Regionen, Länder, Banken, Universitäten, Bibliotheken, Anwaltskanzleien, die reichsten Personen eines Landes, der Welt, ja selbst das Glück bzw. die "Lebenszufriedenheit" - alles muss, alles kann nach einem einheitlichen Maßstab bewertet werden. Den Philosophen Konrad Paul Liessmann veranlasste diese Ranking-Gläubigkeit und der Missionseifer ihrer Propheten zu dem bissigen Beitrag Der Weisheit letzter Stuss

Wer allerdings, wie ich bisher, geglaubt hat, das Bedürfnis so ziemlich alles zu vermessen und in eine Rangfolge zu bringen, sei ein Produkt unserer Zeit, wird feststellen müssen, dass es bereits Anfang des 18. Jahrhunderts Bestrebungen gab, einen einheitlichen Bewertungsmaßstab für die künstlerischen Schöpfungen des Menschen zu kreieren. Wie dem Beitrag Erfolgsgeschichte Rangliste in der Süddeutschen Zeitung zu entnehmen ist, entwickelte der französische Künstler und Kunstkritiker Roger de Piles im Jahr 1708 ein Verfahren, um die Rangfolge von Malern bestimmen zu können. Auch sonst ist der Artikel lesenswert, da er ein differenziertes Bild von dem Thema Ranking zeichnet. 

Eine wahre Quelle von Rankings ist in Deutschland die Bertelsmann - Stiftung und ihr Ableger CHE. Beide stehen seit einiger Zeit in der Kritik. Erst kürzlich stellte der MDR die Frage: Bertelsmann-Studien: Eigeninteresse oder Wissenschaft?. Für die Vertreter von Lobbycontrol jedenfalls, lässt sich darauf eine klare Antwort geben. Das Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) muss sich immer wieder vorhalten lassen, bei seinen Studien nach unwissenschaftlichen Kriterien vorzugehen. Jürgen Kaube berichtet in seinem Beitrag Uni-Ranglisten - Widerstand gegen den Unfug des "Rankings" von den Beweggründen, die die deutschen Soziologen und den Verband der Historiker dazu bewogen haben, ihren Mitgliedern von der Teilnahme an dem CHE-Ranking abzuraten. 

Wie immer man es auch dreht: Kein Ranking ist frei von Interessen, von blinden Flecken, von Ausgangsbedingungen, Versuchsanordnungen und Grundannahmen, die eine bestimmte Richtung vorgeben und großen Einfluss auf die Ergebnisse haben. Wie Thomas Macho in seinem Vortrag Wie entstehen Weltbilder? auf der Ars Electronica 2012 zeigt, sind selbst so vermeintlich unverdächtige Repräsentationsmittel wie Landkarten keineswegs "objektiv". 

Am Beispiel der Wissenskulturen zeigt der Philosoph Hans Jörg Sandkühler, wie stark Forschergemeinschaften oder Institute von bestimmten, die eigene Sicht begrenzenden Faktoren geleitet werden:
In sie (Wissenskulturen) eingeschlossen sind ein bestimmter epistemischer Habitus, bestimmte Evidenzen, Perspektiven und weltbildabhängige Präsuppositionen, bestimmte Überzeugungen, eigensinnige sprachliche, semiotische und semantische Üblichkeiten, besondere Auffassungen zu möglichen epistemischen Zielsetzungen, Fragen und Problemlösungen, kulturspezifische Praktiken und Techniken und in diesem Kontext anerkannte Werte, Normen und Regeln. (in: Kritik der Repräsentation)
Es ist zunächst einmal kaum etwas daran auszusetzen, wenn Forscher oder Institute Rankings erstellen und veröffentlichen. Problematisch wird es dann, wenn sie mit dem Anspruch verbunden sind, den alleingültigen Maßstab abzugeben, an dem sich alle anderen zu orientieren haben, wenn sie sich nicht dem Vorwurf aussetzen wollen, objektiven wissenschaftlichen Ergebnissen ihre Berechtigung abzusprechen. 
Mit Albert O. Hirschmann wäre jedoch zu fragen, welche Interessen, welche Annahmen, welches Weltbild verbergen sich dahinter?

Hin und wieder sollen Rankings sogar bewusst manipuliert worden sein, wie "Deutschlands Beste" vom ZDF und bei einigen 3. Programmen der ARD, darunter der WDR und NDR. Der WDR hat, wie Boris Rosenkranz feststellt, ohnehin ein besonderes Verständnis von Transparenz

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