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Sonntag, 21. August 2016

Spurenlesen als Wissenspraxis und Vehikel der Selbsterkenntnis

Von Ralf Keuper

Das Lesen von Spuren ist von kaum zu unterschätzender Bedeutung für die menschliche Evolution. Das Fährtenlesen war für die ersten Menschen überlebenswichtig, wie Carlo Ginzburg in seinem berühmten Essay Spurensicherung schreibt:
Jahrtausendelang war der Mensch Jäger. Im Verlauf zahlreicher Verfolgungsjagden lernte er es, aus Spuren im Schlamm, aus zerbrochenen Zweigen, Kotstücken, Haarbüscheln, verfangenen Federn und zurückgebliebenen Gerüchen Art, Größe und Fährte von Beutetieren zu rekonstruieren. Er lernte es, spinnwebenfeine Spuren zu erahnen. wahrzunehmen, zu interpretieren und zu klassifizieren. Er lernte es, blitzschnell komplexe geistige Operationen auszuführen, im Dickicht des Waldes wie auf gefährlichen Lichtungen (in: Spurensicherung. Die Wissenschaft auf der Suche nach sich selbst)
Gewissermaßen haben die Menschen schon relativ früh damit begonnen, in ihrem Alltag, ihrem Lebenskampf Prinzipien zu verwenden, die sich durchaus als wissenschaftlich bezeichnen lassen. 

Ein Kunsthistoriker sorgt für internationales Aufsehen

Es sollte ein Kunsthistoriker sein, der das Spurenlesen, die Spurensicherung - gegen erheblichen Widerstand - als Wissenschaftsform etablierte bzw. rehabilitierte: Giovanni Morelli

Morelli, nach dem die Morelli-Methode benannt wurde, veröffentlichte zwischen 1874 und 1876 unter einem Pseudonym mehrere Beiträge, in denen er ein neues Verfahren zur einwandfreien Identifizierung von Autoren antiker Bilder besprach. Ginzburg schreibt:
Fassen wir kurz zusammen, worin diese Methode bestand. Die Museen, so sagte Morelli, sind voll von Bildern, deren Autoren nur ungenau ermittelt sind. Aber es ist auch sehr schwierig, jedes einzelne Bild ganz exakt einem bestimmten Künstler zuzuweisen. Sehr oft hat man es mit Werken zu tun, die nicht signiert, die vielleicht übermalt oder schlecht erhalten sind. In solchen Fällen ist es unbedingt notwendig, die Originale von den Kopien unterscheiden zu können. Man dürfe sich daher, so Morelli, nicht - wie sonst üblich ist - auf die besonders auffälligen und daher leicht kopierbaren Merkmale der Bilder zu stützen .. Man solle stattdessen mehr die Details untersuchen, denen der Künstler weniger Aufmerksamkeit schenkt und die weniger von der Schule, der er angehört, beeinflusst sind: Ohrläppchen, Fingernägel, die Form von Fingern, Händen und Füßen. Auf diese Weise entdeckte Morelli für Boticelli, die für Cosimo Tura typische Form der Ohren und katalogisierte sorgfältig alle diese Merkmale, die in den Originalen, nicht aber in den Kopien vorkommen (ebd.).
Von Morelli beeinflusst wurde Sigmund Freud, dessen Psychoanalyse auch als Spurenlesen aufgefasst werden kann. Die Kunst der Spurenlesens auf zumindest literarische Höhen geführt, haben die Verfasser von Detektivromanen wie Arthur Conan Doyle und Edgar Allan Poe
Die Arbeit von Archäologen und Paläontologen ist ohne Methoden zur Spurensicherung nicht vorstellbar. In der Kriminalistik ist das Sammeln von Spuren, von Indizien wesentlicher Bestandteil der täglichen Arbeit. Auf Indizien gestützt ist auch die Arbeit der Ärzte; überhaupt können die Humanwissenschaften auch als Indizienwissenschaften beschrieben, klassifiziert werden. Ginzburg spricht auch vom Indizienparadigma

Durch Spuren können Personen eindeutig zugeordnet werden

Spuren erhalten um so mehr Aussagekraft, wenn sie sich einem bestimmten Träger zuordnen lassen. Der Durchbruch auf diesem Gebiet gelang mit der Einführung des Fingerabdrucks. Jeder Mensch lässt sich damit eindeutig identifizieren. Eine Wissenschaftsdisziplin, die sich ganz der Lesen von Zeichen verschrieben hat, ist die Semiotik. 

Obschon Indizien nur Teile eines Puzzles repräsentieren und die Tendenz haben, sich im Detail zu verlieren, können sie auch dazu verwendet werden, auf das Ganze zu schließen: 
Wenn die Forderung nach systematischer Erkenntnis auch immer anmaßender zu werden scheint, sollte deshalb die Idee von einer Totalität noch nicht aufgegeben werden. Im Gegenteil: Die Existenz eines tieferen Zusammenhangs, der die Phänomene der Oberfläche erklärt, sollte man gerade dann betonen, wenn man behauptet, dass eine direkte Erkenntnis dieses Zusammenhanges unmöglich ist. Wenn auch die Realität "undurchsichtig" ist, so gibt es doch besondere Bereiche - Spuren, Indizien -, die sich entziffern lassen (ebd.). 
Datenspuren als Haupteinnahmequelle der Internetkonzerne 

Heute, im Zeitalter des Internets, werden wir mit neuen Formen des Spurenlesens konfrontiert. Das Lesen der Datenspuren, die die Nutzer im Netz hinterlassen, ist ein Milliardenmarkt. Internetkonzerne wie facebook verdienen enorme Summen damit, die Spuren der Nutzer zu einem unverwechselbaren Profil zusammenzusetzen und an die Werbeindustrie, Unternehmen und andere Datensammler zu verkaufen. Ganz abgesehen von den Geheimdiensten, die eigene Programme für das Ausspähen entwickelt haben, wie der britische

Spurenlesen als Mittel der Selbsterkenntnis

Für Cornelius Holtorf  ist die Spurensicherung in erster Linie ein Mittel zur Selbsterkenntnis. 
In der ‘Spurensicherung’ werden mitunter sehr persönliche Assoziationen und Erinnerungen evoziert, die darauf hinweisen, daß jenseits des absoluten Wissens etwas Wertvolles verschüttet liegt, das einer anderen Art der Aufdeckung bedarf. Dieses Etwas ist gerade deshalb wertvoll, weil es sich der modernen Wissenschaftswelt entzieht und eben nicht von der Archäologie oder einen anderen Wissenschaft ohnehin zu Tage gebracht wird . In diesem Sinne ist die ‘Spurensicherung’ so etwas wie Anti-Archäologie. Sie stellt die Authorität der Archäologen in Frage, indem sie auf das Nicht-Wissenschaftliche verweist – die Dinge, die uns als Wissenschaftler normalerweise entgehen, obwohl sie mindestens ebenso elementar und wichtig sind (in: Archäologie als Spurensicherung:Vehikel der Selbsterkenntnis. Über spurensichernde Archäologie)
Die Spurensicherung und das Indizienparadigma würden, so Holtorf, die tatsächliche Arbeit der Archäologen nicht widerspiegeln. Gemeinsamer Nenner von Archäologie, Indizienparadigma und Spurensicherung sei die Selbsterkenntnis:
Alle drei sind Gesten des Erinnerns und Ausdruck einer bestimmten Art des Reflektierens und Erlebens der Vergangenheit und ihrer materiellen Überreste in der Gegenwart. Sie alle produzieren Neuschöpfungen, die die Vergangenheit in die Gegenwart übersetzen und dabei im Grunde nur der Selbsterkenntnis dienen.
Teilnehmendes Beobachten statt Distanzierung 

Weitere Kritik an Ginzburgs Indizienparadigma kommt von Anja Schwanhäußler in Die Bedeutung von ‚Clues’ bei hard boiled Krimis und der Chicago School of Sociology. Kritische Anmerkungen zu Ginzburgs Indizienparadigma. Unter Berufung auf Borislaw Malinonwski und dessen Methode des Teilnehmenden Beobachtens schreibt Schwanhäußler:
Sherlock Holmes Lupe ist immer auch als Signal und Technik der Distanzierung zu seiner Umwelt. Demgegenüber ist die Praxis von hard boiled Detektiv und Stadtforscher Malinowskis Methode der teilnehmenden Beobachtung verpflichtet. Aufgrund seiner eigenen Erfahrung bei den Kula erklärt Malinowski in den Argonauten: „Aus diesem Eintauchen in das Leben der Eingeborenen habe ich das klare Gefühl gewonnen, dass ihr Verhalten, ihre Wesensart in allen Stammesangelegenheiten durchsichtiger und besser verständlich wurden, als sie zuvor waren.“ Paradoxerweise sind die Instrumente, die Ginzburgs Analytiker zur Indiziengewinnung einsetzen, nämlich Kamera und Notizbuch, gerade jene, die Malinowski empfiehlt auch mal zur Seite zu legen. Wenn der Ethnograf „neben dem Normalen und Typischen dessen geringfügigen und ausgeprägten Abweichungen“ nur durch Notizen festhalten kann, so nützt es andererseits „bei dieser Art von Arbeit, manchmal Kamera, Notizbuch und Bleistift zur Seite legen und sich selbst am Geschehen zu beteiligen.“
Das Denken der Spur als Mittel gegen Systeme und Ideologien 

Für Edouard Glissant war der Spur zentral für sein, wenn so will, Paradigma der Kreolisierung. Dasn Denken der Spur als Gegengift zu Ideologien und Systemen. Von ihm kommt die Anregung
Dass das Denken der Spur sich, im Gegensatz zum Systemdenken, als eine Irrfahrt beifügt, die Orientierung gibt. Wir wissen, dass die Spur das ist, was uns alle, woher wir auch kommen, in Beziehung setzt. ... Die Spur stellt aber auch nicht einen unfertigen Pfad dar, auf dem man rettungslos strauchelt, auch keinen in sich abgeschlossenen Weg, der ein Territorium begrenzt. Die Spur verläuft auf der Erde, die nie wieder ein Territorium sein wird. Die Spur ist eine undurchdringliche Weise, Zweig und Wind zu lernen, selbst zu sein, vom Andern abgeleitet. Sie ist der Sand in der wahren Unordnung der Utopie.

Das Denken der Spur erlaubt es, sich aus dem Würgegriff des Systems zu befreien. Es widerlegt damit alle Erfüllung durch den Besitz. Es reisst einen Sprung in das Absolute der Zeit. Es eröffnet sich für die versprengten Zeiten, welche die Menschheiten von heute untereinander vervielfachen, im Konflikt und im Wunder (in: Traktat über die Welt). 
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Spurenlesen als Wissenspraxis

Freitag, 19. August 2016

Lasse sich doch kein Dichter in einer Hauptstadt gebären und erziehen ... (Jean Paul)

Lasse sich doch kein Dichter in einer Hauptstadt gebären und erziehen, sondern womöglich in einem Dorfe, höchstens in einem Städtchen. Die Überfülle und die Überreize einer großen Stadt sind für die erregbare schwache Kinderseele ein Essen an einem Nachtisch und Trinken gebrannter Wasser und Baden in Glühwein. Das Leben erschöpft sich an ihm in der Knabenzeit, und er hat nun nach dem Größten nichts mehr zu wünschen als höchstens das Kleinere, die Dorfschaften. Man gewinnt und errät nicht so viel, wenn man aus der Stadt ins Dorf kommt als umgekehrt aus Jodiz nach Hof. Denk ich vollends an das Wichtigste für den Dichter, an das Lieben, so muss er in der Stadt um den warmen Erdgürtel seiner elterlichen Freunde und Bekanntschaften die größern kalten Wende- und Eiszonen der ungeliebten Menschen ziehen, welche ihm unbekannt begegnen und für die er sich so wenig liebend entflammen oder erwärmen kann als ein Schiffvolk, das vor einem andern fremden Schiffvolk begegnend vorübersegelt.
Aber im Dorfe liebt man das ganze Volk, und kein Säugling wird da begraben, ohne dass jeder dessen Namen und Krankheit und Trauer weiß; Joditzer haben sich alle ineinander hineingewohnt und hineingwöhnt; - und dieses herrliche Teilnehmen an jedem, der ein Mensch, welches daher sogar auf den Fremden und den Bettler überzieht, brütet eine verdichtete Menschenliebe aus und die rechte Schlagkraft des Herzens - Und dann, wenn der Dichter aus seinem Dorfe wandert, bringt er jedem, der ihm begegnet, ein Stückchen Herz mit, und er muss weit reisen, eh er endlich damit auf den Straßen und Gassen das ganze Herz ausgegeben hat. 
Quelle: Selbsterlebensbeschreibung  

Dienstag, 16. August 2016

Schwarze Romantik (Ausstellungsfilm)

Im Herbst 2012 zeigte das Städel Museum die große Sonderausstellung „Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst“. Erstmals widmete sich damit eine Schau in Deutschland der dunklen Seite der Romantik und ihrer Fortführung in Symbolismus und Surrealismus. Anhand von mehr als 200 Gemälden, Skulpturen, Grafiken, Fotografien und Filmen spürte die umfangreiche Präsentation der Faszination zahlreicher Künstler für das Abgründige, Geheimnisvolle und Böse nach. ..
In den ausgestellten Werken von Goya, Johann Heinrich Füssli und William Blake sowie Théodore Géricault und Delacroix bis hin zu Caspar David Friedrich zeichnet sich eine romantische Geisteshaltung ab, die seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ganz Europa erfasste und bis ins 20. Jahrhundert hinein bei Künstlern wie Salvador Dalí, René Magritte oder Paul Klee und Max Ernst ihre unmittelbare Fortsetzung fand. Die Arbeiten erzählen eindringlich von Einsamkeit und Melancholie, von Leidenschaft und Tod, von der Faszination des Grauens und dem Irrationalen der Träume (Quelle: Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst)
Weitere Informationen:


Sonntag, 14. August 2016

Zur Differenz von Zentrum und Peripherie

Von Ralf Keuper

Die Beziehung zwischen dem Zentrum und der Peripherie ist auf den ersten Blick eine von Über- und Unterordnung. Das Zentrum wird für gewöhnlich mit Macht, Dynamik, Pluralität und Kreativität gleichgesetzt, wohingegen die Peripherie als rückständig gilt; seine Anziehungskraft bezieht es aus seiner Eigenschaft als Zufluchts- bzw. Erholungsort. 

Noch immer wird die Beziehung Zentrum-Peripherie vorwiegend räumlich interpretiert:
Auf der nationalstaatlichen Ebene bestehen solche Abhängigkeitsbeziehungen insbesondere zwischen Städten (Zentren) und benachbarten Regionen, meist ländlichen Räumen. Zentrum-Peripherie-Modelle werden daher insbesondere zur Erklärung räumlicher Disparitäten herangezogen. (in: Zentrum-Peripherie-Modell)
Diese Auffassung liegt auch den klassischen Theorien der Wirtschaftsgeografie zu Grunde, wie denen von Christaller (System der zentralen Orte) und Thünen (Thünensche Ringe).

Im Gegensatz dazu steht für Niklas Luhmann die Frage der Kommunikation und Anschlussfähigkeit im Vordergrund:
Wichtig für Luhmann ist nicht der messbare Raum zwischen Mitte und Rand, sondern die von dieser Differenz geprägte Anschlussfähigkeit und Komplexität der Kommunikation, die im Zentrum anders sind als an seiner Peripherie (in: Anmerkungen zur Differenz von Zentrum und Peripherie)
Weiterhin gilt: 
Distanz vom Zentrum zählt als Nachteil aber nur, solange man nicht von Interaktion auf Kommunikation umsteigen kann (ebd.).
Anders wiederum der Staatsrechtler Carl Schmitt, der, laut Niels Werber, in einer Schrift aus dem Jahr 1941 die Idee des Netzwerkes vorwegnahm:
Die Grenze ist keine Linie auf einer Landkarte. Peripherien können entsprechend als „Leistungsraum“ gedeutet werden, der aus bestimmten Operationen, Techniken und Praktiken hervorgeht. Nicht die Dinge werden im Cartesischen Raum platziert, sondern sie bringen als Agenten kollaborativ einen spezifischen Raum hervor (ebd.).
Eine andere Interpretation liefert Eduard Glissant in seinem Archipelischen Denken:
Für Glissant ist die Insel eine Metapher für die Neuformulierung unseres Raumdenkens – sie steht sinngemäß für das Verständnis von Raum als etwas Grenzenlosem. Konzeptionell ist die Insel also nicht eine fixe, losgelöste, isolierte Einheit, sondern steht vielmehr in zweifachen Abweichungs- und Umkehrungsprozessen: Sie streckt sich unbegrenzt in verschiedene Beziehungsrichtungen nach außen aus, zugleich kehrt sie sich zur Hinterfragung des eigenen Selbst und der Selbsterkenntnis nach innen. Das ist Glissants Vorstellung von archipelischem Denken: die Fähigkeit, die Insel zu sehen und sich zugleich ihrer Verbindung zu etwas wesentlich Größerem bewusst zu sein, der Beziehung zu einer Gruppe von Inseln, als Bindeglied zu einem Archipel (in: Die Welt als Archipel). 
In den vergangenen Jahren war im Verlauf der Diskussion um die Staatschuldenkrise häufig von den Ländern der Peripherie in der EU die Rede, womit in erster Linie Portugal und Griechenland gemeint waren. Als Ziel wird die Angleichung der Lebensverhältnisse sowie der wirtschaftlichen Verhältnisse zwischen der Peripherie (Portugal, Griechenland) und dem Zentrum (Frankreich, Deutschland) angepeilt. 

Weitere Beispiele von Randlagen und Peripherien in Europas Geschichte sind der "keltische Rand" und der "muslimische Rand" wie in Zentrum und Peripherie in Europa aus historischer Perspektive nachzulesen ist.

Nicht selten werden der Peripherie schöpferische Kräfte nachgesagt. Beispielsweise sprach Egon Friedell  von der Schöpferischen Peripherie. Das Zentrum für Peripherie (ein  - kreativer - Widerspruch sich) wirbt mit dem Spruch Jede Avantgarde kommt aus der Peripherie

Die Arbeitsgruppe "Zentrum und Peripherie in soziologischen Differenzierungstheorien" hat die Ergebnisse ihrer Forschungen in Mythos Mitte. Wirkmächtigkeit, Potenzial und Grenzen der Unterscheidung "Zentrum/Peripherie" zusammengefasst. 

Weitere Informationen:

Samstag, 13. August 2016

Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus Philosophie und Wissenschaft #27

Von Ralf Keuper

Erneut eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus den Bereichen Philosophie und Wissenschaft, die mir in den vergangenen Tagen/Wochen aufgefallen sind:

Sonntag, 7. August 2016

Was ist Erkenntnis? Alexander Kluge im Gespräch mit Jochen Hörisch

Von Ralf Keuper

Alexander Kluge im Gespräch mit dem Literaturwissenschaflter Jochen Hörisch über dessen Buch Tauschen, sprechen, begehren. Eine Kritik der unreinen Vernunft. Der Titel ist eine bewusste Anspielung auf die Kritik der reinen Vernunft von Immanuel Kant. Zentral für die Argumentation von Hörisch sind die Arbeiten und Gedanken des Sozialphilosophen Alfred Sohn-Rethel



Für Sohn-Rethel liegt im Warentausch eine ungeheure Abstraktion. Für ihn ist der Warentausch erkenntniskonstitutiv: Wer Waren tauscht, abstrahiert gleichzeitig. Es gibt keine Wissenschaft, keinen Geist und keine Intellektualität, wenn es die elementare Abstraktion, die im Warentausch steckt, nicht geben würde. 
Unreine Vernunft heisst, dass der Geist vom Geld abgeleitet ist. Die reale Abstraktion ist chronologisch früher, als die denkende. In der Warensprache ist das Zählen wichtiger als das Erzählen. 

Im Gegensatz zu Marx sind für Sohn-Rethel die Distribiution und die Konsumtion, und nicht die Produktion, die die Gesellschaft überformenden Kräfte.  Die Distributions- und Konsumtionssphäre formieren das Bewusstsein. Das Denken ist an den Tausch gekoppelt. 

In der modernen Wirtschaft hat sich die Distributionsshäre verselbständigt, wie in der Finanzkrise 2008 sichtbar wurde. 
Das Problem ist heute nicht die Knappheit, sondern der Überfluss. Trotz Schuldenkrise haben wir einen Überschuss an Geld. Nach wir vor fehlt uns eine funktionierende Geldtheorie. Wir wissen noch immer nicht, was Geld eigentlich ist.

Was die Zukunft Europas angeht, sind Kluge und Hörisch optimistisch. Nicht mehr Zentrum zu sein, abzudanken, hat auch Vorteile. Nach Luhmann lebt es sich am Rande besser als im Zentrum. Könige, die abdanken, leben danach weitaus angenehmer als unter Regierungsbedingungen. Old Europe ist in seine Spätphase eingetreten, die, wenn wir Glück haben, die beste ihrer Geschichte seit der Renaissance werden könnte. 

Bad Muskau, der Fürst Pückler Park - Der deutsche Dandy und sein Garten