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Sonntag, 26. März 2017

Protestantische Frömmigkeit birgt in allem Gewissensernst spezifische Gefährdungspotenziale

Protestantische Frömmigkeit birgt in allem Gewissensernst spezifische Gefährdungspotenziale: Indem der Protestant stärker als der Katholik auf sich selber gestellt ist, ist er auch gefährdeter, labiler. Ihm fehlen die rituellen, sakramentalen Entlastungen durch eine starke Institution. Sofern sich überhaupt der Idealtyp eines "protestantischen Menschen" beschreiben lässt, muss dieses Zurückgeworfensein auf die eigene Subjektivität ein zentrales Element bilden. Die protestantische Persönlichkeit ist in sich widersprüchlicher, zerrissener als die des institutionendefinierten Katholiken: himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, beides eng miteinander verknüpft, aber immer geprägt von einem extrem hohen religiös-moralischen Anspruch.

Protestanten standen deshalb fortwährend in der Gefahr, einer weltlichen Autorität jenen religiösen Kredit zu geben, den sie dem Papst einst verweigert hatten. Ungleich stärker als die katholischen Theologen waren protestantische Intellektuelle bereit, reformatorische Überlieferung mit allen möglichen modernen Ideen zu verbinden. Vor allem die deutschen Nationalismen wurden primär mit protestantischen Integrationsmustern konstruiert, die, so die Hoffnung, langfristig auch die Katholiken in die deutsch-protestantische Gemeinschaft einbinden könnten.
Quelle: Der Protestantismus. Geschichte und Gegenwart. Von Friedrich Wilhelm Graf

Sonntag, 12. März 2017

Geschichte ohne Epochen? (Jacques Le Goff)

Von Ralf Keuper 

Woher stammt das Bedürfnis, die Zeit in Epochen einzuteilen, warum hat die Periodisierung in der Geschichtswissenschaft eine so große Bedeutung? Der berühmte französische Historiker Jacques Le Goff liefert in seinem letzten Buch Geschichte ohne Epochen? einige Antworten.  

Die These seines Buches fasst Le Goff in die Worte:
Der Begriff "Periodisierung" ist der Leitfaden dieses Essays. Er bezeichnet einen menschlichen Eingriff in die Zeit und unterstreicht, dass ihre Einteilung nicht wertfrei ist. Hier sollen die mehr oder weniger erklärten, mehr oder weniger eingestandenen Gründe aufgezeigt werden, warum die Menschen die Zeit in Perioden eingeteilt haben, oft mit Definitionen versehen, die den ihnen beigemessenen Sinn und Wert hervorheben. 
Etwas später schreibt er:
Auch wenn die Periodisierung hilft, die Zeit oder vielmehr den Umgang mit ihr zu beherrschen, ist sie für die Einschätzung der Vergangenheit manchmal problematisch. Die Geschichte zu periodisieren ist ein komplexer Vorgang, sowohl behaftet mit Subjektivität als auch mit dem Bestreben, ein mehrheitsfähiges Ergebnis zu erzielen. 
Als Paradebeispiel für die Periodisierung mit all ihren Vor- und Nachteilen wählt Le Goff die Renaissance. 

Wie andere Historiker auch, wendet sich Le Goff gegen die Behauptung, das Mittelalter sei ein dunkles Zeitalter gewesen, das von Rückschritten in fast allen Lebensbereichen geprägt war. Im Vergleich dazu erschien die Antike wie ein verloren gegangenes Paradies, an dessen Leistungen wieder anzuknüpfen sei. Notwendig war eine Wiedergeburt der Antike - die Renaissance. Der Begriff der Renaissance wurde jedoch erst im 19. Jahrhundert von Jules Michelet in die Geschichtswissenschaften eingeführt. Vor Michelet war es der italienische Dichter Petrarca, der als erster den Ausdruck "Mittelalter gebraucht hat. Damit war eine Epoche gemeint, die zwischen der Antike und dem neuen Zeitalter lag - daher Mittelalter. 

Da die Renaissance keinen Bruch mit dem vorangegangen Zeitalter markierte, sieht sich Le Goff veranlasst, vom "Langen Mittelalter" zu sprechen:
Jetzt gilt es aufzuzeigen, dass es sowohl auf wirtschaftlichem, politischem und sozialem als auch auf kulturellem Gebiet im 16. Jahrhundert, eigentlich sogar bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, keine grundlegende Veränderung gegeben hat, die eine Trennung zwischen dem Mittelalter und einer neuen, anderen Periode, die dann Renaissance wäre, rechtfertigen würde. 
Le Goff bestreitet den Wert der Periodisierung für die Geschichtswissenschaft keineswegs; jedoch mahnt er dazu, die Dauer der Epochen nicht zu unterschätzen, und zeitweilige Brüche nicht überzubewerten und sogleich mit einem neuen Zeitalter gleichzusetzen:
Ich für meinen Teil glaube, dass wir der Wirklichkeit und einer Periodisierung, die einen zugleich bequemen als auch ergiebigen Gebrauch der Geschichte zulässt, näher kommen, wenn wir in Betracht ziehen, dass lange Perioden von zwar wichtigen, allerdings nicht entscheidenden Phasen der Veränderung geprägt sind: Unterperioden, die man im Falle des Mittelalters "Renaissancen" nennt, um das Neue mit der Vorstellung einer Rückkehr zu einem goldenen Zeitalter zu kombinieren.  
Mit ähnlichen Fragen wie Le Goff haben sich Reinhart Koselleck in Zeitschichten und Heinz-Dieter Kittsteiner in Die Stabilisierungsmoderne beschäftigt. 

Sonntag, 5. März 2017

Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus Philosophie und Wissenschaft #31

Von Ralf Keuper

Erneut eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus den Bereichen Philosophie und Wissenschaft, die mir in den vergangenen Tagen/Wochen aufgefallen sind:

Samstag, 4. März 2017

Magellans genialer Irrtum

Immer kann, wenn vom Genius berührt, wenn vom Zufall geführt, auch aus dem narrenhaftesten Irrtum eine höchste Wahrheit entstehen. Zu Hunderten und Tausenden zählen die wichtigen Erfindungen, die auf jedem Gebiet der Wissenschaft von falschen Hypothesen hervorgerufen worden sind. Nie hätte Columbus sich ins Weltmeer gewagt ohne jene Karte Toscanellis, die absurd falsch den Erdumfang berechnete und ihm vortäuschte, in kürzester Zeit an der Ostküste Indiens landen zu können. Nie hätte Magellan einen Monarchen überreden können, ihm eine Flotte zu übergeben, hätte er nicht mit solcher narrenhaften Sicherheit an jene unrichtige Karte Behaims und jene phantastischen Berichte der portugiesischen Piloten geglaubt. Nur indem er ein Geheimnis zu wissen glaubte, konnte Magellan das größte geographische Geheimnis seiner Zeit lösen. Nur weil er sich mit ganzer Seele hingab an einen vergänglichen Wahn, entdeckte er eine unvergängliche Wahrheit.
Quelle: Stefan Zweig: Magellan. Der Mann und seine Tat 

Sonntag, 19. Februar 2017

Winston Churchill als vorausschauender (Natur-)Wissenschaftler

Von Ralf Keuper

Dass Winston Churchill vielseitig interessiert und begabt war, ist bekannt; schließlich erhielt er für seine historischen Schriften, insbesondere für sein sechsbändiges Werk "Der Zweite Weltkrieg", den Literaturnobelpreis. Daneben befasste sich Churchill mit naturwissenschaftlichen Fragen, wobei er zu Einsichten kam, die erst Jahrzehnte später von der Forschung aufgegriffen bzw. bestätigt wurden. Davon zeugt ein bisher unveröffentlichtes Manuskript aus dem Jahr 1939. Darin widmete sich Churchill der Frage nach den Voraussetzungen von Leben im Kosmos: Gibt es neben dem Menschen noch andere Formen höherer Intelligenz? Churchill hielt es für wahrscheinlich. 

Churchill bemerkte dazu: 
Ich für meinen Teil bin nicht so ungemein beeindruckt vom Erfolg unserer Zivilisation hier, dass ich mir vorstellen könnte, dass wir der einzige Ort in diesem riesigen Universum sein sollten, der Leben beherbergt, denkende Wesen, oder dass wir die höchste Form von mentaler und physischer Entwicklung besitzen sollten, die jemals in diesem unermesslichen Bereich von Raum und Zeit aufgetaucht ist.
Über Churchills (kosmischen) Denkstil schreibt Sibylle Anderl in der FAZ vom 17.02.2017:
Zu beginnen mit einer klaren Definition, worum es gehen soll, einer Diskussion der für die Frage relevanten Beobachtungen und Prozesse, um schließlich zu einem wohlbegründeten Fazit zu gelangen, nicht ohne zugrundeliegende Hypothesen offenzulegen und deren Konsequenzen zu prüfen. Es ist diese wissenschaftlich anmutende, rhetorische Grundfigur, die der differenzierten und wohlinformierten Begründung von Thesen zentralen Raum zuweist, die wir heute oft schon im öffentlichen Diskurs .. vermissen. 

Sonntag, 22. Januar 2017

Wir alle spielen Theater (Erving Goffman)

Die Darstellung der eigenen Arbeit vor den Augen anderer besteht nicht allein darin, unsichtbare Kosten in sichtbare zu verwandeln. In vielen Fällen ist die Tätigkeit einer Person von einem bestimmten sozialen Rang so wenig dazu geeignet, diesen Rang offenbar zu machen, dass der Darsteller einen beträchtlichen Teil seiner Energie auf die Aufgabe verwenden muss, seine Rolle wirkungsvoll zu gestalten, und diese auf Übermittlung gerichtete Tätigkeit verlangt häufig gerade andere Eigenschaften als die, die dramatisch dargestellt werden sollen. So muss etwa der Hausbesitzer, um ein Haus so einzurichten, dass es ruhige und schlichte Würde repräsentiert, auf Auktionen rennen, mit Antiquitätenhändlern feilschen und alle Läden am Ort nach geeigneten Tapeten und Vorhangstoffen durchstöbern. Will er eine Ansprache im Radio halten, die wirklich zwanglos, spontan und natürlich wirkt, ist der Sprecher genötigt, sein Manuskript sorgfältig vorzubereiten und Satz für Satz zu prüfen, um die Aussage entsprechend zu formulieren, sich dem Rhythmus und der Geschwindigkeit der Alltagssprache anzupassen. Ebenso ist ein Photomodell von "Vogue" imstande, durch Kleidung, Haltung und Gesichtsausdruck Verständnis für das Buch auszudrücken, das es in der Hand hält; aber diejenigen, die sich so sehr um den angemessenen Ausdruck bemühen, finden meisten sehr wenig Zeit zum Lesen. .. 
So findet sich der Einzelne häufig im Widerstreit zwischen Ausdruck und Handeln. Gerade diejenigen, die genügend Zeit und Talent haben, eine Aufgabe gut zu erfüllen, haben manchmal deswegen weder die Zeit noch das Talent, anderen vorzuführen, wie gut sie sie erfüllen. Man kann sagen, dass einige Betriebsorganisationen dieses Dilemma so lösen, dass sie die dramatische Funktion offiziell einem Spezialisten übertragen, der seine Zeit darauf verwendet, die Bedeutung der Aufgabe auszudrücken, und keine Zeit, sie tatsächlich zu erfüllen.
Quelle: Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag  

Montag, 16. Januar 2017

Wandel des Weltbildes: Naturwissenschaften und Technik

Zwei Traditionen, die scholastisch-humanistische und die handwerkliche, kann man an vielen Stellen der beginnenden Naturwissenschaft nachweisen, noch bei Galilei. So findet man die erstere etwa in der äußeren Gestaltung und der Argumentationsführung seiner Werke als platonische Dialoge und die zweite sehr stark in seinem Hauptwerk den "Discorsi" 1638, in dem der erste Teil ganz der Technik gewidmet ist und auch vom "Arsenal" in Venedig, als Sammlungsstätte aller Maschinen, ausgeht.
Der säkuläre Fortschrittsbegriff entwickelte sich langsam. Zunächst war es nur möglich, traditionelle Autoritäten anzugreifen, wenn man andere traditionelle Autoritäten dagegen aufbieten konnte. Das war schon im Kommentar mittelalterlicher Vorlesungen geübt worden. So konnte Copernicus Ptolemäus und Aristoteles angreifen, indem er sich auf Plato, Herakleides, Aristach und deren Vorstellungen zur bewegten Erde berief. Ähnlich bekämpfte Martin Luther die Tradition des Katholizismus mit dem Rückgriff auf das Urchristentum und auf den griechischen Urtext der Bibel - gegen den lateinischen der "Vulgata". Ähnlich bekämpfte Machiavelli die existierenden Staatstheorien mit dem Rückgriff auf das Vorbild der römischen "res publica". Das fand alles kurz nach 1500 statt. 
Quelle: Jürgen Teichmann: Wandel des Weltbildes. Astronomie, Physik und Meßtechnik in der Kulturgeschichte