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Sonntag, 19. Februar 2017

Winston Churchill als vorausschauender (Natur-)Wissenschaftler

Von Ralf Keuper

Dass Winston Churchill vielseitig interessiert und begabt war, ist bekannt; schließlich erhielt er für seine historischen Schriften, insbesondere für sein sechsbändiges Werk "Der Zweite Weltkrieg", den Literaturnobelpreis. Daneben befasste sich Churchill mit naturwissenschaftlichen Fragen, wobei er zu Einsichten kam, die erst Jahrzehnte später von der Forschung aufgegriffen bzw. bestätigt wurden. Davon zeugt ein bisher unveröffentlichtes Manuskript aus dem Jahr 1939. Darin widmete sich Churchill der Frage nach den Voraussetzungen von Leben im Kosmos: Gibt es neben dem Menschen noch andere Formen höherer Intelligenz? Churchill hielt es für wahrscheinlich. 

Churchill bemerkte dazu: 
Ich für meinen Teil bin nicht so ungemein beeindruckt vom Erfolg unserer Zivilisation hier, dass ich mir vorstellen könnte, dass wir der einzige Ort in diesem riesigen Universum sein sollten, der Leben beherbergt, denkende Wesen, oder dass wir die höchste Form von mentaler und physischer Entwicklung besitzen sollten, die jemals in diesem unermesslichen Bereich von Raum und Zeit aufgetaucht ist.
Über Churchills (kosmischen) Denkstil schreibt Sibylle Anderl in der FAZ vom 17.02.2017:
Zu beginnen mit einer klaren Definition, worum es gehen soll, einer Diskussion der für die Frage relevanten Beobachtungen und Prozesse, um schließlich zu einem wohlbegründeten Fazit zu gelangen, nicht ohne zugrundeliegende Hypothesen offenzulegen und deren Konsequenzen zu prüfen. Es ist diese wissenschaftlich anmutende, rhetorische Grundfigur, die der differenzierten und wohlinformierten Begründung von Thesen zentralen Raum zuweist, die wir heute oft schon im öffentlichen Diskurs .. vermissen. 

Sonntag, 22. Januar 2017

Wir alle spielen Theater (Erving Goffman)

Die Darstellung der eigenen Arbeit vor den Augen anderer besteht nicht allein darin, unsichtbare Kosten in sichtbare zu verwandeln. In vielen Fällen ist die Tätigkeit einer Person von einem bestimmten sozialen Rang so wenig dazu geeignet, diesen Rang offenbar zu machen, dass der Darsteller einen beträchtlichen Teil seiner Energie auf die Aufgabe verwenden muss, seine Rolle wirkungsvoll zu gestalten, und diese auf Übermittlung gerichtete Tätigkeit verlangt häufig gerade andere Eigenschaften als die, die dramatisch dargestellt werden sollen. So muss etwa der Hausbesitzer, um ein Haus so einzurichten, dass es ruhige und schlichte Würde repräsentiert, auf Auktionen rennen, mit Antiquitätenhändlern feilschen und alle Läden am Ort nach geeigneten Tapeten und Vorhangstoffen durchstöbern. Will er eine Ansprache im Radio halten, die wirklich zwanglos, spontan und natürlich wirkt, ist der Sprecher genötigt, sein Manuskript sorgfältig vorzubereiten und Satz für Satz zu prüfen, um die Aussage entsprechend zu formulieren, sich dem Rhythmus und der Geschwindigkeit der Alltagssprache anzupassen. Ebenso ist ein Photomodell von "Vogue" imstande, durch Kleidung, Haltung und Gesichtsausdruck Verständnis für das Buch auszudrücken, das es in der Hand hält; aber diejenigen, die sich so sehr um den angemessenen Ausdruck bemühen, finden meisten sehr wenig Zeit zum Lesen. .. 
So findet sich der Einzelne häufig im Widerstreit zwischen Ausdruck und Handeln. Gerade diejenigen, die genügend Zeit und Talent haben, eine Aufgabe gut zu erfüllen, haben manchmal deswegen weder die Zeit noch das Talent, anderen vorzuführen, wie gut sie sie erfüllen. Man kann sagen, dass einige Betriebsorganisationen dieses Dilemma so lösen, dass sie die dramatische Funktion offiziell einem Spezialisten übertragen, der seine Zeit darauf verwendet, die Bedeutung der Aufgabe auszudrücken, und keine Zeit, sie tatsächlich zu erfüllen.
Quelle: Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag  

Montag, 16. Januar 2017

Wandel des Weltbildes: Naturwissenschaften und Technik

Zwei Traditionen, die scholastisch-humanistische und die handwerkliche, kann man an vielen Stellen der beginnenden Naturwissenschaft nachweisen, noch bei Galilei. So findet man die erstere etwa in der äußeren Gestaltung und der Argumentationsführung seiner Werke als platonische Dialoge und die zweite sehr stark in seinem Hauptwerk den "Discorsi" 1638, in dem der erste Teil ganz der Technik gewidmet ist und auch vom "Arsenal" in Venedig, als Sammlungsstätte aller Maschinen, ausgeht.
Der säkuläre Fortschrittsbegriff entwickelte sich langsam. Zunächst war es nur möglich, traditionelle Autoritäten anzugreifen, wenn man andere traditionelle Autoritäten dagegen aufbieten konnte. Das war schon im Kommentar mittelalterlicher Vorlesungen geübt worden. So konnte Copernicus Ptolemäus und Aristoteles angreifen, indem er sich auf Plato, Herakleides, Aristach und deren Vorstellungen zur bewegten Erde berief. Ähnlich bekämpfte Martin Luther die Tradition des Katholizismus mit dem Rückgriff auf das Urchristentum und auf den griechischen Urtext der Bibel - gegen den lateinischen der "Vulgata". Ähnlich bekämpfte Machiavelli die existierenden Staatstheorien mit dem Rückgriff auf das Vorbild der römischen "res publica". Das fand alles kurz nach 1500 statt. 
Quelle: Jürgen Teichmann: Wandel des Weltbildes. Astronomie, Physik und Meßtechnik in der Kulturgeschichte

Sonntag, 18. Dezember 2016

Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus Philosophie und Wissenschaft #30

Von Ralf Keuper

Erneut eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus den Bereichen Philosophie und Wissenschaft, die mir in den vergangenen Tagen/Wochen aufgefallen sind:

Samstag, 10. Dezember 2016

Über die Notwendigkeit einer komplementären Sicht in den Wissenschaften (Victor Weisskopf)

Bedauerlicherweise sträuben sich die meisten Menschen gegen die komplementäre Sicht der Dinge. Es besteht ein Trend zu klaren, allgemeingültigen Antworten, der andere Betrachtungsweisen ausschließt. .. Im Prinzip scheint keine Domäne im menschlichen Erfahrungsbereich wissenschaftlicher Erforschung und Erkenntnis unzugänglich zu sein, auch wenn vieles noch nicht verstanden wird. Die Wissenschaft mag einen berechtigten Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Aber es muss betont werden, dass >vollständig< kein Symptom für >allumfassend< ist. Selbst wenn wir zum wissenschaftlichen Verständnis der Prozesse gelangen, die Gedanken und Gefühlen zugrunde liegen, wird es trotzdem notwendig sein, für die Beschäftigung mit unseren komplexen und vielfältigen Erfahrungen andere Methoden des Denkens zu benutzen. Ein Denksystem kann innerhalb seines Rahmens vollständig sein, aber dennoch wichtige Aspekte komplementärer Natur auslassen. Mitunter sind diese Aspekte die relevantesten.
Quelle: Mein Leben - Ein Physiker, Zeitzeuge und Humanist erinnert sich an unser Jahrhundert 

Sonntag, 13. November 2016

Die Denkerfahrung hat ihren eigenen ästhetischen Charakter (John Dewey)

Kein Denker kann seinen Beruf ausüben, ohne von allumfassenden, integrierenden, ihren Wert in sich selbst tragenden Erfahrungen angezogen und durch sie belohnt zu werden. Ohne sie wüsste er niemals, was Denken tatsächlich bedeutet, er wäre bei der Unterscheidung zwischen wahrem und scheinbarem Denken ganz und gar ratlos. Denken vollzieht sich in Form von Ideenketten, doch die Ideen bilden nur deshalb eine Kette, weil sie weitaus mehr darstellen als das, was die analytische Psychologie als Gedanken bezeichnet. Sie sind praktisch und gefühlsmäßig voneinander unterschiedene Phasen einer zugrundeliegenden, immer deutlicher hervortretenden Qualität; sie sind deren dynamische Spielarten; sie sind nicht isoliert und voneinander unabhängig wie Lockes und Humes sogenannte Ideen und Eindrücke, sondern subtile Schattierungen eines sich verbreitenden und stärker werdenden Farbtons. ... 
Daher hat eine Denkerfahrung ihren eigenen ästhetischen Charakter. Sie unterscheidet sich von denjenigen Erfahrungen, deren ästhetischer Charakter gemeinhin anerkannt ist, lediglich durch ihre stofflichen Inhalte. Das Material der Schönen Künste besteht aus Eigenschaften; das Material einer Erfahrung, die zu einer intellektuellen Schlussfolgerung führt, besteht aus Zeichen und Symbolen, ohne eigenständige Qualität; die jedoch Dinge ausdrücken, die in einer anderen Erfahrung qualitativ erlebt werden können. Der Unterschied ist gewaltig. Es ist einer der Gründe dafür, warum die streng intellektuelle Kunst niemals in der Weise populär sein wird, wie es die Musik ist. Gleichwohl gewährt die Erfahrung an sich eine emotionale Befriedigung, da sie eine durch geordnete und systematisierte Bewegung gewonnene innere Integration und Erfülltheit besitzt. Diese künstlerische Struktur kann unmittelbar empfunden werden. Insofern ist sie ästhetisch. 
Quelle: John Dewey. Kunst als Erfahrung

Samstag, 5. November 2016

Frankfurter Schule und Wiener Kreis: Ein ambivalentes Verhältnis

Von Ralf Keuper

In seinem Buch Positivismusstreit. Die Auseinandersetzungen der Frankfurter Schule mit dem logischen Positivismus, dem amerikanischen Pragmatismus und dem kritischen Rationalismus geht Hans-Joachim Dahms auf die verbindenden und trennenden Elemente zwischen der Frankfurter Schule und dem Wiener Kreis ein:
Die Programme und Lehren der beiden Gruppen enthalten alles in allem also zunächst eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten und dann sozusagen komplementäre Defizite. Bei der Frankfurter Schule war der Bereich der Naturwissenschaften und Mathematik faktisch ausgeblendet, beim Wiener Kreis der sozialwissenschaftliche und historische Bereich unterentwickelt. Eine solche Konstellation ist, von ihren Entwicklungschancen her betrachtet, ambivalent. ... 
Im ganzen ergibt der Vergleich von politischer Haltung und Aktivität der Frankfurter Schule mit dem Wiener Kreis vor 1933, grob gesagt, folgende Bilanz: hier (in Frankfurt) eine ausgebautere sozialwissenschaftliche Theorie, dort (in Wien) eine intensivere Beteiligung an praktischer sozialistischer Politik bei den meisten Mitgliedern des Wiener Kreises.

Eine - zumal im Vergleich mit anderen deutschsprachigen philosophischen Strömungen ins Auge fallende - Gemeinsamkeit zwischen Frankfurter Schule und dem Wiener Kreis ist schließlich das beiden gemeinsame Schicksal der politisch und "rassisch" motivierten Emigration, in die sie vom Nationalsozialismus bzw. vom Austrofaschismus gezwungen wurden; und dies - im Unterschied zu allen anderen deutschsprachigen philosophischen Schulen (wie dem Neukantianismus, der Phänomenologie und der Lebensphilosophie) - fast ohne Ausnahme. Dies halte ich für keine zu unterschätzende Gemeinsamkeit, zumal den Nationalsozialisten bzw. den Austrofaschisten die Lehren der beiden Gruppen jeweils als zersetzend und kulturbolschewistisch galten.