Meine Blog-Liste

Samstag, 10. Dezember 2016

Über die Notwendigkeit einer komplementären Sicht in den Wissenschaften (Victor Weisskopf)

Bedauerlicherweise sträuben sich die meisten Menschen gegen die komplementäre Sicht der Dinge. Es besteht ein Trend zu klaren, allgemeingültigen Antworten, der andere Betrachtungsweisen ausschließt. .. Im Prinzip scheint keine Domäne im menschlichen Erfahrungsbereich wissenschaftlicher Erforschung und Erkenntnis unzugänglich zu sein, auch wenn vieles noch nicht verstanden wird. Die Wissenschaft mag einen berechtigten Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Aber es muss betont werden, dass >vollständig< kein Symptom für >allumfassend< ist. Selbst wenn wir zum wissenschaftlichen Verständnis der Prozesse gelangen, die Gedanken und Gefühlen zugrunde liegen, wird es trotzdem notwendig sein, für die Beschäftigung mit unseren komplexen und vielfältigen Erfahrungen andere Methoden des Denkens zu benutzen. Ein Denksystem kann innerhalb seines Rahmens vollständig sein, aber dennoch wichtige Aspekte komplementärer Natur auslassen. Mitunter sind diese Aspekte die relevantesten.
Quelle: Mein Leben - Ein Physiker, Zeitzeuge und Humanist erinnert sich an unser Jahrhundert 

Sonntag, 13. November 2016

Die Denkerfahrung hat ihren eigenen ästhetischen Charakter (John Dewey)

Kein Denker kann seinen Beruf ausüben, ohne von allumfassenden, integrierenden, ihren Wert in sich selbst tragenden Erfahrungen angezogen und durch sie belohnt zu werden. Ohne sie wüsste er niemals, was Denken tatsächlich bedeutet, er wäre bei der Unterscheidung zwischen wahrem und scheinbarem Denken ganz und gar ratlos. Denken vollzieht sich in Form von Ideenketten, doch die Ideen bilden nur deshalb eine Kette, weil sie weitaus mehr darstellen als das, was die analytische Psychologie als Gedanken bezeichnet. Sie sind praktisch und gefühlsmäßig voneinander unterschiedene Phasen einer zugrundeliegenden, immer deutlicher hervortretenden Qualität; sie sind deren dynamische Spielarten; sie sind nicht isoliert und voneinander unabhängig wie Lockes und Humes sogenannte Ideen und Eindrücke, sondern subtile Schattierungen eines sich verbreitenden und stärker werdenden Farbtons. ... 
Daher hat eine Denkerfahrung ihren eigenen ästhetischen Charakter. Sie unterscheidet sich von denjenigen Erfahrungen, deren ästhetischer Charakter gemeinhin anerkannt ist, lediglich durch ihre stofflichen Inhalte. Das Material der Schönen Künste besteht aus Eigenschaften; das Material einer Erfahrung, die zu einer intellektuellen Schlussfolgerung führt, besteht aus Zeichen und Symbolen, ohne eigenständige Qualität; die jedoch Dinge ausdrücken, die in einer anderen Erfahrung qualitativ erlebt werden können. Der Unterschied ist gewaltig. Es ist einer der Gründe dafür, warum die streng intellektuelle Kunst niemals in der Weise populär sein wird, wie es die Musik ist. Gleichwohl gewährt die Erfahrung an sich eine emotionale Befriedigung, da sie eine durch geordnete und systematisierte Bewegung gewonnene innere Integration und Erfülltheit besitzt. Diese künstlerische Struktur kann unmittelbar empfunden werden. Insofern ist sie ästhetisch. 
Quelle: John Dewey. Kunst als Erfahrung

Samstag, 5. November 2016

Frankfurter Schule und Wiener Kreis: Ein ambivalentes Verhältnis

Von Ralf Keuper

In seinem Buch Positivismusstreit. Die Auseinandersetzungen der Frankfurter Schule mit dem logischen Positivismus, dem amerikanischen Pragmatismus und dem kritischen Rationalismus geht Hans-Joachim Dahms auf die verbindenden und trennenden Elemente zwischen der Frankfurter Schule und dem Wiener Kreis ein:
Die Programme und Lehren der beiden Gruppen enthalten alles in allem also zunächst eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten und dann sozusagen komplementäre Defizite. Bei der Frankfurter Schule war der Bereich der Naturwissenschaften und Mathematik faktisch ausgeblendet, beim Wiener Kreis der sozialwissenschaftliche und historische Bereich unterentwickelt. Eine solche Konstellation ist, von ihren Entwicklungschancen her betrachtet, ambivalent. ... 
Im ganzen ergibt der Vergleich von politischer Haltung und Aktivität der Frankfurter Schule mit dem Wiener Kreis vor 1933, grob gesagt, folgende Bilanz: hier (in Frankfurt) eine ausgebautere sozialwissenschaftliche Theorie, dort (in Wien) eine intensivere Beteiligung an praktischer sozialistischer Politik bei den meisten Mitgliedern des Wiener Kreises.

Eine - zumal im Vergleich mit anderen deutschsprachigen philosophischen Strömungen ins Auge fallende - Gemeinsamkeit zwischen Frankfurter Schule und dem Wiener Kreis ist schließlich das beiden gemeinsame Schicksal der politisch und "rassisch" motivierten Emigration, in die sie vom Nationalsozialismus bzw. vom Austrofaschismus gezwungen wurden; und dies - im Unterschied zu allen anderen deutschsprachigen philosophischen Schulen (wie dem Neukantianismus, der Phänomenologie und der Lebensphilosophie) - fast ohne Ausnahme. Dies halte ich für keine zu unterschätzende Gemeinsamkeit, zumal den Nationalsozialisten bzw. den Austrofaschisten die Lehren der beiden Gruppen jeweils als zersetzend und kulturbolschewistisch galten.  

Samstag, 15. Oktober 2016

Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus Philosophie und Wissenschaft #29

Von Ralf Keuper

Erneut eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus den Bereichen Philosophie und Wissenschaft, die mir in den vergangenen Tagen/Wochen aufgefallen sind:

Samstag, 8. Oktober 2016

Der Geist des Handwerks und die technische Welt von morgen

Von Ralf Keuper

In ihrem Vortrag Der Geist des Handwerks und die technische Welt von morgen diagnostiziert Nicole Karafyllis einen Verlust an Technikmündigkeit. Es gebe ein Zuviel an Digitalisierung; sinnlich-praktische Erfahrungshorizonte werden dadurch vernachlässigt. Kreativität entsteht, indem man etwas macht. Auch die Mechanik kommt nicht ohne Erfahrung aus; sie lässt sich nicht vollständig Mathematisieren. Wichtig bleiben Erfahrung, Regeln und Vorbilder. 



Bis dato gibt es keine Theorie für die Technikwissenschaften. Philosophen, die sich intensiv mit der Bedeutung des Handwerks bzw. der Handarbeit beschäftigt haben, waren bzw. sind Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik, mit der Unterscheidung zwischen Handeln (Praxis) und Machen (Poesis), Hannah Arendt mit Vita Activa und Richard Sennett mit seinem Buch Handwerk. Für Sennett bedeutet Dinge manuell zu machen und zu tun, zu lernen, mit den Ambivalenzen des Lebens umzugehen, nämlich das etwas nicht sofort funktioniert (Geduld), dass etwas gar nicht funktioniert (Frust) und dass etwas anders funktioniert (Alternative). Die Digitalisierung dagegen strebt nach Perfektion, weil etwas schon immer funktionsfähig ist bzw. sein muss. 

Weitere Informationen: 


Samstag, 1. Oktober 2016

Glaubte Friedrich Spee an Hexen?

Friedrich Spee war ein Kind seiner Zeit. Für ihn war es - entgegen allen anachronistischen Verzerrungen unserer Tage - kein Widerspruch, an die Vernunft der Zeitgenossen zu appellieren und gleichzeitig an die Existenz von Hexen zu glauben. Der populäre Mythos, Spees Vernunftverständnis sei der Ausfluss einer aufklärerischen Rationalität, kann in ihrer Pauschalität nicht aufrecht erhalten werden. Daher stellt sich die Frage, was an Spees Werk bemerkenswert bleibt, wenn die wegweisende Radikalität seiner Kritik so stark zu relativieren ist? Die Antwort liegt einerseits in seiner Person und andererseits in dem Aufbau seiner Cautio Criminalis. ...
Zu seiner Cautio Criminalis: Friedrich Spee ist an vielen Stellen seines Buches nicht originär, sondern nutzt Argumente, die teilweise schon von seinen Vorgängern verwendet worden sind. Allerdings liegt das Spezifikum seiner Schrift in der gewählten Ich-Form. Dank ihres Gebrauchs kann der Leser sich mit dem Geschriebenen identifizieren, d.h. sich in die Situation einer angeblichen Hexe hineinversetzen, ihre Verzweiflung und Hilflosigkeit, sogar die Schmerzen der Folter nachempfinden. Der Rezipient wird förmlich gezwungen, sich selbst zu fragen, ob er die gleichen Qualen ertragen könnte oder doch dem physischen und psychischen Druck der Tortur nachgäbe, dem Inquisitor beliebige Namen angeblicher Teufelsbündnerinnen nennen und sich selbst als Hexe bezichtigen würde. Die Darstellungsform ist das Einmalige an der Cautio Criminalis, weil sie eine Identifikation mit den Opfern ermöglicht und gleichzeitig die Funktion des Gewissens übernimmt, das den Leser an das Gebot der Nächstenliebe erinnert. 
Vor allem dieser moralische Impetus, verbunden mit einer humanistischen Ernsthaftigkeit ist dafür verantwortlich, dass die Persönlichkeit Friedrich Spees nach wie vor beeindruckt und sein Hauptwerk Cautio Criminalis, seit Leibniz über die Jahrhunderte hinweg immer wieder zu einer kritischen Auseinandersetzung einlädt. 
Quelle: Glaubte Friedrich Spee an Hexen? Einige kritische Gedanken zur Cautio Criminalis von Sarah Masiak, in: Paderborner Historische Mitteilungen, Jg. 24, 2011

Weitere Informationen / Verwandte Beiträge:

Hexenwahn im Mittelalter (Filmdokumentation)

Friedrich Spee, Anton Praetorius, Peter Hagendorf, Hermann Cottmann und der Hexenwahn in Westfalen